Nach zwei Jahren mit ihrem etwas leiseren „MTV-Unplugged“-Programm greift Christina Stürmer wieder zur E-Gitarre und startet heuer mit drei Österreich-Konzerten durch. Im „Krone“-Interview verrät sie, warum sie diesmal in Linz nervöser sein wird als in Wien, wie sie Familie und Karriere unter einen Hut bringt, ihren persönlichen Glücksfall und weshalb sie heute vieles gelassener sieht ...
Kurz vor ihrem geplanten Griechenlandurlaub mit ihrer Familie und den Schwiegereltern treffe ich Sängerin Christina Stürmer in einem traditionellen Wiener Restaurant direkt an der Donau. Die Sonne scheint, die Stimmung ist entspannt – und noch bevor das Aufnahmegerät überhaupt läuft, plaudert Österreichs Chartstürmerin lachend aus dem Nähkästchen. Vom ganz normalen Familienchaos etwa: „Kaum muss Mama aus dem Haus, müssen plötzlich alle ins Badezimmer. Die eine Tochter wäre beinahe auf das Glätteisen gestiegen, die andere wollte wissen, ob es heute ein cooler oder ein fader Tag wird.“ Spätestens da ist klar: Trotz mehr als 20 Jahren auf der Bühne ist die 44-Jährige eine herrlich bodenständige Frohnatur geblieben. Wenig später geht es dann doch um Musik, Familie und alles, was das Leben dazwischen bereithält.
„Krone“: Nach zwei Jahren „MTV Unplugged“ wird es jetzt wieder laut. Wie groß ist deine Lust auf Gitarren, Beats und eine richtige Rockshow?
Christina Stürmer: Riesig! Wir haben irgendwann beschlossen, das „MTV Unplugged“ einmal ruhen zu lassen – was nicht heißt, dass wir es nie wieder hervorholen. Die zwei Jahre waren wunderschön und haben wahnsinnig viel Spaß gemacht. Gleichzeitig habe ich aber erst bei den Proben gemerkt, wie sehr mir das laute Spielen gefehlt hat.
Mit den zwei neuen Musikern mussten wir viele Songs komplett neu einstudieren. Dadurch klingt vieles frisch und wir haben sogar einige ältere Lieder wieder ausgegraben. Das hat beim Proben richtig Spaß gemacht. Das Unplugged hatte seinen ganz eigenen Zauber – es war intim und zerbrechlich. Aber jetzt freue ich mich einfach darauf, wieder mit E-Gitarren auf der Bühne zu stehen und mich frei bewegen zu können.
Ihr spielt heuer bewusst nur drei Konzerte. Warum?
Wir wollten diesmal nur Österreich-Shows spielen, weil wir parallel an neuer Musik arbeiten. Dieser Albumprozess braucht aber einfach mehr Zeit als früher. Anfang der 2000er haben wir fast jedes Jahr eine Platte veröffentlicht. Wir waren ständig auf Tour und gleichzeitig im Studio. Das funktioniert heute mit zwei Kindern einfach nicht mehr. Außerdem möchte ich mir für neue Songs bewusst Zeit nehmen.
Zu Hause ist ja auch einiges los. Meine Große kommt jetzt in eine neue Schule.
Dürfen sich die Fans auf Überraschungen freuen?
Ja, aber leider noch nicht auf neue Songs. Daran arbeiten wir zwar gerade intensiv, aber ich möchte mir damit Zeit lassen.
Gerade das Thema Künstliche Intelligenz beschäftigt uns. Heute kann man innerhalb weniger Sekunden einen Song im Stil von mir zum Beispiel erstellen lassen. Das finde ich schon erschreckend. Deshalb ist es mir wichtig, dass unsere Musik Ecken und Kanten hat – und echt bleibt. Wir probieren viel aus und schreiben auch mit neuen Leuten zusammen.
Die Überraschungen liegen diesmal eher in der Setlist. Wir spielen Lieder die wir noch nie live gespielt haben. Gerade in Österreich haben sich die Fans das immer wieder gewünscht. Ich glaube, das wird viele freuen.
Fällt es dir schwer, bei so vielen Hits eine Setlist zusammenzustellen?
Total. Vor allem, weil manche Lieder seit Jahren, wie gesagt, von den Fans gewünscht werden. Diesmal wollten wir genau solche versteckten Perlen wieder hervorholen. Die Setlist wird deshalb auch länger als sonst. Im Moment mag ich eigentlich gar nichts mehr streichen. Die Leute müssen diesmal einfach gut stehen können (lacht).
Gibt es Songs, die du heute anders siehst als früher?
Ja, einige. Vor allem bei den älteren Liedern denke ich mir manchmal: Da hätten wir bei den Texten noch etwas länger feilen sollen. Damals hab ich ja noch gar nicht selbst mitgeschrieben – das kam erst mit den Jahren.
Es gibt zum Beispiel einen Song namens „Arzt“. Wenn ich den Text heute höre, muss ich lachen. Musikalisch finde ich ihn immer noch cool, aber textlich denke ich mir manchmal: „Warum hat uns damals niemand gebremst?“ (lacht).
Das erste Konzert findet in Linz statt. Ist ein Heimspiel etwas Besonderes?
Lustigerweise bin ich mittlerweile in Linz nervöser als in Wien. Früher war das genau umgekehrt. Diesmal kommt dazu, dass es das erste Konzert mit dem neuen Programm und den zwei neuen Musikern ist. Außerdem sind Familie und viele Freunde da. Komischerweise macht mich das eher nervös.
Du hast bei den drei Konzerten jedes Mal einen anderen heimischen Support-Act dabei. Wie wählst du sie aus?
Bewerben kann man sich natürlich immer (lacht). Früher habe ich darauf ehrlich gesagt gar nicht so geachtet. Heute ist mir wichtig, dass der ganze Konzertabend passt und ich die Künstler selbst gerne höre. Wir haben gemeinsam mit unserem Booker und dem Team viele Namen gesammelt und überlegt, wer musikalisch und menschlich zu uns passt. Das Schöne war: Alle drei Acts, die wir gefragt haben, haben sofort zugesagt.
Please Madame kenne ich schon vom „MTV Unplugged“, Pippa wurde mir von vielen empfohlen und ich höre ihre Musik schon länger. Laurenz Nikolaus verfolge ich schon eine ganze Weile – ich mag ihre Art und ihre Songs einfach.
Was muss denn nach diesen drei Konzerten passieren, damit du sagst: Genau deshalb mache ich diesen Beruf seit 20 Jahren?
Für mich ist dieser Moment entscheidend, wenn ich auf die Bühne gehe und merke, dass der Funke überspringt. Ich suche mir am Anfang eines Konzerts immer Menschen im Publikum, bei denen ich sofort spüre: Da ist Energie. Wenn dieser Kontakt entsteht, ist jede Nervosität sofort weg. Genau das liebe ich an Live-Konzerten. Wenn ich merke, dass da jemand mit jeder Faser dabei ist, spiele ich im Zweifel nur noch für diese eine Person. Und plötzlich haben wir beide einen richtig schönen Abend. Das ist das Gefühl, das ich mir jedes Mal wünsche.
Du hast ja „Starmania“ damals 2003 nicht gewonnen. War der zweite Platz rückblickend vielleicht sogar ein Glücksfall?
Ja, absolut. Damals ist unglaublich viel Druck von mir abgefallen. Der Gewinner hatte sofort einen vollen Terminplan, Interviews, Aufnahmen und große Erwartungen. Ich konnte dagegen ganz entspannt „Ich lebe“ aufnehmen. Ich dachte sogar, ich kehre danach wieder in den Buchhandel zurück – war ja damals auch öfter auf Zeitausgleich (grinst). Dass daraus einmal eine Karriere mit Tourneen und 20 Jahren Musik werden würde, hätte ich nie gedacht. Erst als „Ich lebe“ durch die Decke ging und das erste Album erschien, wurde mir klar: Jetzt ist das mein Beruf. Meine damalige Chefin meinte noch: „Du kannst jederzeit zurückkommen.“ (lacht) Ich glaube, das wird wohl nichts mehr.
Wenn deine Töchter später sagen würden: „Mama, ich will Sängerin werden“ – würdest du sie unterstützen?
Natürlich. Beide wollen im Moment Sängerin werden – oder Reitlehrerin (biegt sich vor Lachen).
Wie erlebt deine ältere Tochter, dass ihre Mama Christina Stürmer ist?
Mittlerweile ist das völlig normal für sie. Richtig verstanden hat sie es eigentlich erst rund um „MTV Unplugged“. Während Corona war ich ja viel zu Hause, da bekam sie nicht viel mit. Als dann plötzlich die Lidl-Werbung im Fernsehen lief und ihre Schulkollegen sagten: „Ich hab deine Mama im Fernsehen gesehen“, war ihr das zuerst eher unangenehm. Sie meinte damals: „Du bist meine Mama. Ich will nicht, dass dich alle kennen.“ Im Volkstheater hat sie dann zum ersten Mal erlebt, was ein Konzert bedeutet. Wir haben ihr erklärt: Wenn der Vorhang aufgeht, ist es Christina Stürmer auf der Bühne. Wenn er wieder zugeht, ist es einfach die Mama. Dieses Bild hat ihr sehr geholfen!
Bei der „Starnacht am Wörthersee“ standest du wieder gemeinsam mit deinem Partner Oliver Varga auf der Bühne. Wie habt ihr diesen Moment erlebt?
Toll! Es war quasi „Me Time“ (lacht). Natürlich hatten wir rund um die „Starnacht“ viele Termine, aber die Kinder waren nicht dabei und wir konnten uns einmal nur um uns kümmern. Wir haben nur zwei Lieder gespielt und waren zwei Nächte weg. Dafür lässt sich die Betreuung mit Oma und Opa gut organisieren. Bei einer ganzen Tour funktioniert das aber nicht. Da bleibt Oliver lieber zu Hause bei den Kids. Das Live-Spielen geht ihm mittlerweile auch gar nicht mehr so ab. Er arbeitet lieber im Studio, mischt und produziert. Bei uns ist es aber schon ein Running Gag: Wenn die „Starnacht“ ruft, muss er aber mit (grinst).
Du bist Musikerin, Partnerin und zweifache Mama. Fällt dir dieser Spagat heute leichter?
Ja, das lernt man mit der Zeit. Früher musste ich mich erst daran gewöhnen, dass es nicht mehr nur ein Hobby ist. Genauso war es später mit dem Mamasein und dem Wechsel zurück auf die Bühne. Mittlerweile ist das alles viel selbstverständlicher geworden. Trotzdem bin ich noch immer erstaunt, wie viele Menschen glauben, bei der Kindererziehung mitreden zu müssen. Als meine ältere Tochter ein halbes Jahr alt war und wir wieder auf Tour gingen, wurden wir als Rabeneltern bezeichnet. Dieses Momshaming finde ich fürchterlich. Vor allem im Internet glauben viele, sie müssten einem sagen, was für das eigene Kind gut oder schlecht ist.
Man sagt, Mütter entwickeln Superkräfte mit der Zeit. Welche ist deine?
Als ich mit meiner ersten Tochter schwanger war, habe ich immer gesagt: Ich bin eine Burg. Dieses Beschützergefühl wird plötzlich wahnsinnig stark. Man fühlt sich wie eine Wand und merkt, wie viel Kraft man eigentlich hat. Und seit der Geburt meiner beiden Kinder rieche ich extrem gut. Damit mache ich zu Hause schon alle wahnsinnig. Oft heißt es nur: „Wie kann die Mama das schon wieder riechen?“ (lacht).
Du hast auf deiner letzten Tour viele Weggefährten gehabt, unter anderem Wolfgang Ambros, wie war es für dich plötzlich, gemeinsam mit ihm auf der Bühne zu stehen?
Wolfgang begleitet mich eigentlich schon seit meiner Kindheit. Mein Papa hat Ambros, Danzer und Fendrich gehört, und ich habe ihre Lieder auf unserem alten Klavier nachgespielt. Nach „Starmania“ haben wir uns kennengelernt. Damals war es gar nicht so leicht, als Castingteilnehmerin ernst genommen zu werden. Viele haben einen belächelt. Wolfgang war einer der Ersten, der mich einfach als Musikerin gesehen hat. Das werde ich ihm nie vergessen.
Nach all den Jahren jetzt auf der Bühne und im Studio, was würdest du denn deinem jüngeren Ich heute gerne sagen?
Dass man viel mehr auf sein Bauchgefühl hören sollte und nur das machen, was sich für einen selbst richtig anfühlt. Gerade in den ersten Jahren habe ich oft geglaubt, bestimmte Dinge machen zu müssen. Ich habe mir sehr zu Herzen genommen, wenn jemand meinte, ich sei schwierig oder eine Zicke, nur weil ich etwas nicht anziehen wollte. Heute würde ich meinem jüngeren Ich sagen: Man muss gar nix im Leben – außer auf sich selbst zu hören!
Konzerttermine: 28. August in Linz/Posthof, am 11. September in Kufstein/Festung und am 18. September im Wiener Gasometer. Karten: www.oeticket.com – schnell sein lohnt sich.