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Cordoba78: „Man kann nicht immer Austern fressen“

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Für manche sind sie die österreichischen AnnenMayKantereit, für andere eine Mischung aus Wanda und Bilderbuch. Das in Wien eingemeindete Vorarlberger-Gespann steht aber ganz für sich selbst. Frontmann Carlo Sossella und Gitarrist Tobias Fussenegger geben uns im gemütlichen „Krone“-Talk Einblicke hinter ihren markanten Bandnamen, das Debütalbum „Afterhour Kaltenbrunn“ und erklärt, warum Widersprüche und Politisches notwendig sind.

„Krone“: Carlo, Tobias, eure Band nennt sich Cordoba78, hat aber per se wenig mit Fußball am Hut. Es geht euch um die Emotionen, die an diesem legendären Tag entfacht wurden. Welche Wertigkeit hat die Euphorie für euch?
Carlo Sossella:
 Sie ist wahnsinnig schön, wenn man sie bei Konzerten erlebt. Wir sind vor allem auf der Bühne eine sehr euphorische und extrovertierte Truppe. Den Leuten für eineinhalb Stunden das Gefühl zu geben, sie können loslassen und die Zeit vergessen – das können wir ganz gut vermitteln. Ein Konzert von uns soll der Rahmen für Emotionen sein. Wo man fühlt, lebt, wütend, traurig oder manchmal auch verzweifelt ist – aber all das in einem euphorischen Setting. Das macht ein gutes Konzert aus.

Steckt in der Euphorie, die ihr mit eurer Musik vermittelt, immer die ganze Palette an Emotionen? Alles, was einem im Leben so begegnet?
Sossella:
 All das widerzuspiegeln, das wäre doch das Ziel eines guten Albums, oder nicht? Das ist das, was ein Leben zum Leben erweckt.

„Afterhour Kaltenbrunnen“ heißt euer Debütalbum. Ein Album per se hat sich in der heutigen Zeit ja fast schon erübrigt und passt so gar nicht mehr in den Zeitgeist …
Sossella:
 In Zeiten wie diesen, wo alles in 20-sekündige Clips eingeteilt wird, ist es umso wichtiger, dass man ein Album zusammenstellt, pressen lässt und dann herausbringt und zelebriert. Es als Gesamtkunstwerk betrachtet. Ich hoffe auch, dass uns der rote Faden am Album gelungen ist, auch wenn es kein Konzeptalbum ist. Das ist vielleicht irgendwann einmal die Ambition, war es aber nicht jetzt. Dennoch wollten wir eine Geschichte erzählen. Wir arbeiten mit ganz vielen tollen Künstlern um uns herum zusammen. Videografen, Fotografen, Bühnenbildner etc. All das zu verbinden, das macht uns am Ende am meisten Spaß. Wir können ganz gut Kunst und Blödsinn machen. Manche Entscheidungen waren wirtschaftlich sicher nicht sinnvoll, aber sie waren notwendig. Sonst wären wir keine Künstler, sondern Langweiler.

Könnt ihr eure Kunst durch die Geschlossenheit eures Teams denn viel besser und kompakter ausleben als das sonst der Fall wäre?
Sossella:
 Kunst und Musik machen, seinen eigenen Stil zu finden, das ist eine ewige Reise und deren Zauber macht das Ganze aus. Wenn man sich selbst künstlerisch gefunden hat, ist alles vorbei. Wir fünf in der Band finden viele Sachen von Leuten von außerhalb geil. Das beeinflusst und inspiriert uns. Das macht was mit uns. Natürlich gibt es äußere Regeln, wie dass ein Song bestenfalls nur dreieinhalb Minuten dauern soll, das ist ein Teil der Popkultur und für uns nachvollziehbar, aber der Kern des Musikschaffens ist es, authentisch zu bleiben. Diese Authentizität bringen wir mit und zelebrieren wir.

Seht ihr die Band auch als Gesamtkunstwerk, das weit über die bloße Musik hinausgeht?
Tobias Fussenegger:
 Bei uns war immer sehr wichtig, was rundherum alles passiert. Wir haben schon mit vielen Leuten zusammengearbeitet, bevor es die Band gab. Sie haben für andere Projekte Videos und Bilder beigesteuert und ohne sie würde es Cordoba78 so nicht geben. Wir können nicht leugnen, dass wir im Endeffekt eine Band sind, aber dahinter steckt ein ganzes Kollektiv.

Dieses Kollektiv scheint seit gut vier Jahren sehr stabil zu sein und weiter zu wachsen …
Sossella:
 Es wächst, aber wir haben niemanden ausgetauscht. Der Videograf hat mit uns das erste 15-Euro-Video gedreht und inszeniert jetzt die Videos mit weit mehr Budget. Wir haben so ein großartiges kreatives Umfeld und der Kern der Menschen blieb da. Was wäre das auch für eine Art, wenn man erstmals Geld hat und dann sofort nach Berlin oder Hamburg abhaut und die alten Weggefährten zurücklässt, die einen immer begleitet haben?

Gehört das auch zu eurer Authentizität, dass man mit denselben Leuten weiterarbeitet und den Kern des Teams beständig hält?
Sossella: Ja, und das hat auch ein bisschen was mit Respekt zu tun. Am Anfang wurde so viel Zeit in unbezahlte Arbeit gesteckt. Jetzt, wo wir auch etwas verdienen, wäre es doch schlimm, würden wir alle austauschen. Das wäre all den talentierten Menschen gegenüber vollkommen respektlos.

Respekt ist wahrscheinlich auch innerhalb der Band wichtig.
Fussenegger:
 Anders würde die Band gar nicht funktionieren. Es klingt klischeehaft, aber eine Band ist ein bisschen wie eine Familie. Wenn du deine Familie nicht respektierst, geht das auch nicht lange gut.
Sossella: Freunde kannst du dir aussuchen, die Familie und eine Band nicht. Man lernt sich meist über Umwege kennen und ist der festen Überzeugung, dass man eine Zeit lang zusammenhalten wird. Ohne die Band hätten wir uns wahrscheinlich nie kennengelernt und wären nie befreundet gewesen, auch wenn wir ähnliche Lebenswege und Überzeugungen teilen. Dass man dieselben Vorstellungen und Ziele hat, das macht es aus. Das ist der Unterschied zwischen einer Band und einem Soloprojekt.

Es gibt solche und solche Bands. Wie wichtig ist aber die menschliche Komponente neben der künstlerischen und musikalischen?
Sossella:
 Die Wertevorstellung ist bei uns sehr ähnlich. Wenn etwas strittig ist, dann ist Diskussionsraum da, aber die Grundpfeiler passen. Das ist vor allem in der heutigen Zeit essenziell. Eine Band macht auch besonders, dass unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen. Als Sänger ist man meist ein bisschen extrovertierter und offener, aber dann gibt es andere, die mehr nachdenken und intelligenter sind. Tobi hier ist der Kreative, wahrscheinlich der einzig echte Künstler in der Band. Am Ende ist das Gesamtbild sehr bunt und das wollen wir in der Musik mitschwingen lassen.

In welchem Zeitraum habt ihr die Lieder zu „Afterhour Kaltenbrunnen“ geschrieben? Gibt es da auch noch alte Nummern aus der EP-Zeit?
Sossella:
 Manche sind älter, manche Songs entstanden während des Albumprozesses. Das meiste passierte im Laufe des letzten Jahres. Wir haben Anfang Jänner 2025 angefangen und im Sommer alles aufgenommen – waren in den Berliner Hansa Studios. Das Album ist quasi schon ein Jahr lang fixfertig, aber wir wollten ihm genug Vorlauf geben, damit wir uns selbst neu finden können. Jetzt können wir entspannt mit dem Album rausgehen und gehen im Herbst damit auf Tournee. Wir wissen, dass jetzt ein großes Album gelungen ist und arbeiten parallel schon wieder weiter.

Das angesprochene Kaltenbrunnen, ist das dieser kleine Ort im Vorarlberger Bregenzerwald, eurer ursprünglichen Heimat?
Sossella:
 Wir kommen alle aus der unmittelbaren Nähe dort aus Dornbirn, der Alex aus Alberschwende, was auch gleich daneben ist. Als wir uns Anfang 2025 getroffen haben, haben wir konzeptioneller gedacht und da entstand das Lied „Narzissen“, das war der Grundstein für das Album. Wir spielen gerne mit Worten und mit der Ironie und das Wort „Afterhour“ beschreibt unser Leben in Wien am besten. Das Gefühl, wenn man nach dem Club um 4 Uhr früh auf einer roten Couch zusammensitzt und noch über Gott und das Leben philosophiert. Da geht es um Herzschmerz, Verzweiflung und die Welt, die ja trotzdem eigentlich geil ist. Diese Thematiken bringen wir jetzt heim nach Kaltenbrunn, wo ca. 70 Leute wohnen und es garantiert noch nie eine Afterhour gab.

Ihr verknüpft damit also eure beiden Welten. Viele Songs wirken sehr introspektiv, sind sehr persönlich gehalten und finden auf der zwischenmenschlichen Ebene statt. Songs wie „Der Himmel brennt“ oder „Teufel auf dem Schoß“ sind hingegen klar politisch. War für euch immer klar, dass ihr euch auch als politische Band definiert?
Sossella:
 Es ist unsere Verantwortung und das Minimum dessen, was wir tun können. Wir leben in Zeiten, wo man sich ein Fußball-WM-Finalspiel ansieht und sich plötzlich eine schlecht frisierte Katze ins Jubelbild der Siegermannschaft drängt. In solchen Zeiten ist es unsere absolute Pflicht, uns zu positionieren. Ich sehe das aber nicht als etwas Großes. So als wären wir Botschafter, da gibt es weitaus engagiertere Menschen als uns. Kunst war immer politisch, bis in die Diktatur hinein – und die wollen wir alle nicht.

Entstehen politische Lieder dann aus der Emotion der Wut oder kann man das voneinander entkoppeln?
Sossella:
 Man kann Emotionen ganz gut abrufen. Wie hat sich das früher angefühlt? Wie fühlt sich die Welt jetzt gerade an? Wenn ich im Alltag unterwegs bin, schreibe ich mir viele Sachen auf und kann dadurch später abrufen, was mir passiert ist. Dann wird dieses Abrufen rund ums Piano und die Akustikgitarre in Texte verwandelt – ein bisschen so wie bei den Beatles. Wir bilden uns auch ein, dass wir nur dann gute Songs schreiben, wenn sie auf einem Klavier und einer Akustikgitarre funktionieren. Wie damals, in den 60er-Jahren.

Stilistisch fällt die Platte sehr bunt aus und man spürt, ihr schöpft aus einem sehr breiten Schatz aus unterschiedlichen Inspirationen. Hat Cordoba78 bewusst keine klare Struktur oder kristallisiert die sich erst heraus?
Sossella: Man hört schon stark raus, dass wir mit 60er- und 70er-Jahre-Musik sozialisiert wurden und in Zürich bekamen wir ein ganz schönes Kompliment, dass man bei uns auch den Blues heraushört. Das macht uns ein bisschen einzigartig. Alle meine Göttinnen und Götter wie Jimi Hendrix oder Aretha Franklin kommen aus dem Blues. Paul ist ein toller Jazzpianist und Alex hat ein Jahr in Kolumbien gelebt und viel von dort mitgenommen. Georg wiederum macht schon lange Musik, ist ein richtiger Wiener Gürtelmusiker und hat wahnsinnig viel dabei gelernt. Es ist ein kunterbunter Mix, der da zusammenkommt und das große Ganze formt.

Was ist denn der kleinste gemeinsame Nenner bei euch allen?
Sossella:
 Wenn es um Genres geht, dann wohl Blues und Jazz. Der kleinste gemeinsame Nenner ist Blues, aber wir alle lieben auch Bilderbuch. Der größte, der je aus Österreich kam ist natürlich Falco. Er hat uns wahrscheinlich am meisten inspiriert. Die Spannbreite ist allgemein sehr weit. Wir haben viel Hip-Hop gehört, finden Pop geil und hören auch Acts wie Lola Young gerne. Wir sind alles andere als Genrefaschisten.

„Afterhour Kaltenbrunnen“ lebt auch von Widersprüchen. Hedonismus wird etwa sehr kritisch für den schlechten Zustand der Welt verwendet, in anderen Songs wiederum bezeichnet ihr euch als Hedonisten. Ihr gebt auch zu, dass ihr manchmal so handelt, wie es nicht gut für die Welt ist. Braucht es diese Ehrlichkeit zu einem selbst?
Sossella:
 Deshalb auch „Der Teufel auf dem Schoß“. Das ist im lyrischen Ich komponiert und ich hoffe nicht, dass wir das sind, was wir da besingen. Natürlich schwingt auch Selbstkritik mit, weil wir ein Stück weit selbst vergessen, was gut für die Welt ist und dann auch mal beim Austern fressen landen. Es ist aber nicht jeder Tag zum Austern fressen, dessen muss man sich bewusst sein. Der Hedonismus wird heute ein bisschen glorifiziert und romantisiert. Man vergisst so schnell um sich herum die Pflicht und glaubt, es wird eh alles gut. Das ist am Ende des Tages der Zwiespalt, in dem wir leben. Beides kann gut oder schlecht sein.

Die Angst vor der Zukunft betrifft nicht nur eure Generation, sie ist allumfassend. Führt diese Angst zu Zynismus und Nihilismus?
Sossella:
 Wir haben schon einen sehr humoristischen Ansatz, wie wir die Sachen sehen. Wenn alles mal vorbei ist, dann sitzen wir da und trinken die letzte Flasche Wein. Dieses Bild, das wir zeichnen, wird nicht der Realität entsprechen, sollte es mit der Welt einmal wirklich zugrunde gehen. Ironie ist ein wichtiges Stilmittel – nicht nur für diese Zeiten, sondern allgemein. In der Ironie steckt ein großer Funke Wahrheit. Wenn man nicht völlig taub und blind durch die Welt läuft, dann muss man ein bisschen ängstlich sein, wenn man sie sich aktuell so ansieht. Daraus entstehen dann auch Lieder, die das fiktive Szenario eines brennenden Daches in den Mittelpunkt stellen.

Halten sich Fiktion und Realität auf dem Album die Waage?
Sossella:
 Es ist mehr Realität als Fiktion, die meisten Lieder beruhen schon auf wahren Begebenheiten. Uns ist wichtig, dass die Lieder vor allem lyrisch der Realität entsprechen. Es reimt sich nicht alles ideal, aber als Grundlage dienen fast immer wahre Geschichten, die erzählt werden und so erlebt wurden.

Sind Ängste und Unsicherheiten Kreativbeschleuniger in der Kunst?
Fussenegger:
 Kann sein, aber das ist bei jedem unterschiedlich. Im besten Fall lassen sich die Ängste in Songtexte und Songs verwandeln. Das ist die große Kunst, aber es gibt sicher auch Menschen, die wesentlich besser texten, wenn sie sich frei fühlen und alles chillig ist.
Sossella: Es gibt so ein berühmtes Zitat, dass, abgewandelt, wenn alles im Leben schlimm ist, man Tanzmusik und Spaß braucht, um die Leute abzulenken. Das ist ein sehr kritisches Zitat, weil es auch zum Gegenteiligen führen kann. Wenn einen alles überfordert, dann sucht man vielleicht erst wieder Zuflucht im Hedonismus. Uns ist es wichtig, Dinge, die wir verspüren und beobachten, zu Musik zu verarbeiten. Daran führt kein Weg vorbei. Und zum Glück ist nicht jeden Tag Afterhour, sonst wären wir wahrscheinlich tot.

Ist eure Kunst also eine Notwendigkeit und nicht geboren aus der harschen Realität?
Sossella:
 Nein, sie ist geboren aus Leidenschaft und der Freude am Schreiben und der Musik. Es ist keinesfalls nur Eskapismus. Jede Person findet gute Wege, um mit Sachen umzugehen oder sie zu verarbeiten und zu kommentieren. Bei uns ist es ein Stück weit die Musik, aber das ist bei weitem nicht alles. Es gibt zum Glück auch gute Freunde, die Familie und Therapeuten.

Im Pressetext fällt das durchaus passende Wort „Weltuntergangsromantik“. Ist das ein perfektes Catchwort, um das Gesamtprodukt zusammenzufassen?
Sossella:
 Vielleicht. Das ist spannend, vielleicht sollte man sich Gedanken über sowas machen, bevor man es einfach rausschießt. (lacht) Aber darin steckt wieder etwas Ironie und Satire. Mir fällt es immer schwer, Themen in Schlagwörter oder kurze Sätze zu packen. Für uns ist das Album das, was wir sehen, beobachten, spüren und fühlen und dann geben wir all dem eine Plattform - ob das dann der Weltuntergang oder ein persönlicher Untergang ist, bleibt auszuwählen.

Ein schöner Song auf dem Album ist „Sommerregen“. Geht es da um Freundschaften, die sich irgendwann verlaufen?
Sossella:
 Es geht viel ums Romantiseren und Weggehen. Wir sind auch gerade einen ganzen Sommer lang unterwegs und dann sieht man viele Leute nicht, die man gerne sehen würde. Es verläuft sich, man verpasst Geburtstage und wichtige Events geliebter Menschen. Der Mensch ist so gestrickt, dass er sich immer nur an das Schöne und Gute erinnert und darauf bezieht sich das Lied. Mit ein bisschen Augenzwinkern, denn das ist ja gar nicht so schlecht. Es geht auch um das Festhalten an Dingen, die vielleicht nicht mehr so sind, wie sie einmal waren. Man wünscht sich dann, dass es wieder so ist, wie es einmal war, aber es wird nie mehr so sein, wie es einmal war, denn alles, was war, ist nicht mehr. Das ist die Kernbotschaft des Liedes.

Macht dich das nicht automatisch zu einem Nostalgiker?
Sossella:
 Ich hoffe es nicht, dafür bin ich noch ein bisschen zu jung. Aber wenn ich meinen Vater so anschaue, der jetzt über 60 ist … Ich habe schon Tendenzen dahingehend, dass ich irgendwann in meiner Pension vor meiner Modelleisenbahn sitze und dann Bilder von früher anschaue, wenn die Welt bis dahin noch nicht abgefackelt ist. Derzeit tue ich mir aber leicht damit, im Moment zu leben und das zu verarbeiten.

Beginnt die Modelleisenbahnsammlung dann im Alter oder gibt es da schon was daheim?
Sossella:
 Ich habe tatsächlich schon damit angefangen, aber ich bin viel zu inkonsequent und habe das Hobby aus Zeitgründen unterbrochen. Irgendwie muss man ja auch ausgehen und spazieren, um Inspirationen für neue Lieder zu kriegen. Aber ich werde irgendwann meine Ruhe finden und die ganze Kraft im Modelleisenbahnbauen bündeln.

Im Lied „Teneriffa“ möchtest du gerne dorthin oder nach Irland flüchten. Warum genau diese beiden Destinationen?
Sossella:
 Das ist ein sehr lustiges und ironisches Lied, das im Februar 2025 entstand. Es war eine Skizze, weil Tobi gerade auf Teneriffa urlaubte und wir im grauen Wien seine Fotos zu sehen bekamen. Da kam etwas Neid in mir hoch und ich habe mich dann im Lied dorthin geflüchtet, weil Wien im Winter eine einzige Katastrophe ist – vor allem ab dem 1. Jänner. Sobald die letzten Weihnachtsbeleuchtungen abmontiert sind, geht es chronisch bergab. Irland ist mittlerweile tatsächlich gelogen, weil ich dort schon war - nach dem Albumprozess eine Woche mit meinem besten Freund. Das konnte ich abhaken und deshalb singen wir diese Zeile bei den Konzerten auch nicht mehr. Jetzt sehne ich mich mehr nach Dortmund oder Bochum.

Die Romantik des Ruhrpotts.
Sossella:
 Ich bin im Sommer totaler Ruhrpott-Fan. Alle wollen nach Berlin, ich nicht. Berlin ist schon schön, aber eigentlich finde ich Bochum besser.

Würdest du lieber einen Winter in Wien oder Berlin verbringen?
Sossella:
 Definitiv in Wien. Ich werde sicher kein Berliner. Zumindest nicht mehr in diesem Leben, denn dann wäre ich wohl nur noch besoffen.

Wie schmal ist eigentlich die Grenze zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit in euren Texten?
Sossella:
 Einen Song schreibt man in erster Linie für sich selbst und nicht für andere Menschen. Eine Phrase oder ein Text hat für mich eine ganz andere Bedeutung als für dich oder für andere. Dementsprechend ist es nicht leicht, dem Hörer etwas zu vermitteln. Oder zu unterscheiden, was Ernsthaftigkeit und was Ironie ist. Das muss von der hörenden Person selbst interpretiert werden. Manchmal macht einem das Angst, weil von außen Dinge in Phrasen interpretiert werden, die überhaupt nie so gemeint waren. Bei uns war das zum Glück noch nie was Dramatisches, aber auch das kann mal passieren. Ein guter Song soll eine Geschichte erzählen und die Brücke bauen zu deiner eigenen Geschichte, die du damit verbindest. „Sommerregen“ meine ich sicher anders als du es aufnimmst und das ist auch meine Wunschvorstellung. Wenn du deine Geschichte in meinem Song erlebst, dann habe ich alles richtig gemacht.

Gab es einen bestimmten Song in eurem eigenen Leben, der als Erweckungserlebnis diente? Der etwas ganz Besonderes war?
Sossella:
 Für mich ist es was von Sixto Rodriguez.
Fussenegger: Diesen einen speziellen Song gibt es nicht, das ist eine schwierige Frage für mich. Viel mitgegeben hat mir jedenfalls „Colors“ von Black Pumas. Der ist gar nicht so alt, aber er hat mich durch meine ganze Jugend begleitet.

Es müssen ja nicht immer die Klassiker aus den 60er-Jahren sein. Wollt ihr als Künstler Songs schreiben, die etwas bedeuten?
Sossella:
 Definitiv. Wären wir bedeutungslos, wäre das traurig. Dann würden wir wahrscheinlich irgendeinen emotionslosen Mallorca-Schlager machen, wobei der wahrscheinlich mehr Leute berührt als es unsere Songs tun. (lacht) Aber das ist ja das Schöne an Musik, dass man selbst dort eine Bedeutung finden kann. Manchmal darf man auch einfach die Schnauze halten. Wenn die Rolling Stones spielen, ist mir schon klar, dass die Klassiker vielleicht besser sind, aber was die Herren in diesem Alter herbeizaubern ist unglaublich. Da habe ich keine Berechtigung, mich darüber zu erheben.
Fussengger: Selbst wenn Leute den Anspruch haben, bewusst bedeutungslose Kunst zu kreiern, kann diese Kunst von Bedeutung sein. Diese Bedeutung kommt von außen.

Auch wenn es mit der Karriere beim „Bierkönig“ auf Mallorca nichts mehr wird – welche Ziele habt ihr sonst noch? Wo seht ihr euch zukünftig?
Sossella:
 Das große Ziel wäre schon, irgendwann mal die Wiener Stadthalle zu füllen. Ob das realistisch ist, sei dahingestellt, aber das wäre die Antwort, wenn wir laut träumen dürften. Und sonst? Das klingt vielleicht peinlich und ein bisschen cheesy, aber wir wollen so viele Leute wie möglich mit unserer Musik berühren und bewegen. Jetzt schauen wir mal weiter, ob uns das noch länger so gelingt.

Österreich-Tour im Herbst
Im Herbst gehen Cordoba78 auf – natürlich ironisch betitelte – „Muss ich unbedingt verpassen“-Tour. Zuerst in Deutschland, dann bei uns. Die Termine im Detail: 18. November Postgarage Graz, 19. November ARGEKultur Salzburg, 20. November Bäckerei Innsbruck, 21. November Posthof Linz und 25. November Wiener WUK. Unter www.cordoba78.com finden Sie alle Termine, die Ticketlinks und weitere Informationen zur Tour.