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Das Übel ist so alltäglich wie ein schwarzer Sack

· Culture

Ulrike Arnold inszeniert am Grazer Schauspielhaus Eugene Ionescus „Die Nashörner“ smart und unaufgeregt. Die absurde Komödie über das Erstarken totalitärer Regime ist aktueller als einem lieb sein kann.

„Nashörner?  Das hat’s noch nie gegeben in unserem Land – außer in Geschichtsbüchern.“ Am Anfang herrscht Ungläubigkeit auf dem schmucklosen Vorplatz einer Kleintierpraxis mit Würstelstand (Bühne: Franziska Bornkamp). War das jetzt ein Einhorn, das da vorbeigezogen ist? Und wenn ja, war es ein afrikanisches oder ein asiatisches? Während sich die Gemeinschaft in die Details der Bedrohung versteigt und darüber in die Haare gerät, ob und wie man gegen die Nashörner vorgehen sollte, haben diese sich längst ausgebreitet. Nachbarn, Kollegen, ja sogar Freunde – einer nach dem anderen verwandelt sich in einen animalischen Dickhäuter.

Von Massenbewegungen und dem Erstarken totalitärer Regime erzählt Eugene Ionesco in seinem Klassiker „Die Nashörner“ von 1959. Mit absurdem Humor hat er darin seine Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem rumänischen Faschismus reflektiert – heute ist der Text leider aktueller denn je. Für Regisseurin Ulrike Arnold bedeutet das: Mehr als ein paar smarte Kürzungen braucht es eigentlich nicht, um dessen Aktualität auf der Grazer Bühne zu unterstreichen. Gemeinsam mit ihrem Team setzt sie auf die Alltäglichkeit des Bösen, die sich nicht in großen inszenatorischen Gesten entlädt, sondern als bedrohliche Stimmung und im Klein-Klein zwischen den Figuren.

Ihre Nashörner kennzeichnen sich dadurch, dass sie schwarze Masken tragen und schwarze, mit Luft gefüllte Säcke mit sich schleppen. Auf denen lässt sich gemütlich sitzen. Aber wenn man sie gegen Wände schlägt, machen sie einen Höllenlärm. Und je größer sie sich aufblasen, desto weniger Luft bleibt den braven Bürgern. Und so scheint es ein hoffnungsloser Kampf zu sein, in den die Hauptfigur Behringer hineinstolpert. Sebastian Schindegger spielt ihn als einen anfänglich unpolitischen Trinker, der vor allem seiner Liebe zu Daisy (Sarah Sophia Meyer) folgen möchte – doch egal wohin er sich dreht und wendet, die Bedrohung durch die Nashörner ist schon da.

Und so wandelt sein Behringer von Zynismus über Verzweiflung zu Kampfeslust und wird zum wunderbar absurden Antihelden. Grandios ist auch die gegenläufige Wandlung, die Thomas Kramer als sein Freund Hans durchmacht: Vom kritischen Geist bläht er sich zum hemmungslosen Dickhäuter auf – Ideologien kennen eben keine Freunde. Anna Klimovitskaya, Franz Solar, Oliver Chomik und Otitti Engelhardt vervollständigen das Ensemble.

Die Grazer Inszenierung punktet durch kluge Unaufgeregtheit und ein tolles Ensemble – vor allem zum Ende hin hätte man dem Kampf um die Menschlichkeit ein bisschen mehr Wumms gewünscht. Aber vielleicht ist das ja Arnolds Auftrag ans Publikum.