Kultur

Der heilige Trinker auf der Höhe des Worts

Der heilige Trinker auf der Höhe des Worts

Joseph Roths Abschiedstext gelingt den Festspielen Reichenau auch dank der Ausnahmeleistung des Protagonisten Joseph Lorenz.

Dem jüdischen Gott hatte der Emigrant Joseph Roth das Vertrauen schon entzogen, als er sich 1939 im Pariser Exil zu Tode trank. Neun Jahre zuvor hatte Roth dem modernen Hiob Mendel Singer noch Prüfungen und Belohnungen ohne Maß zugedacht. Dann war Hitler an die Macht gekommen, und Roth verelendete körperlich, zuletzt auch wirtschaftlich. In dieser Situation schrieb er ein Abschiedswerk ohnegleichen: einen heiteren, gelassenen, zugleich illusionslosen Appell an den katholischen Gott, zu dem er sich zwischenzeitlich in exemplarischer Zerrissenheit bekannte.

„Die Legende vom heiligen Trinker“ fordert der in der Kapelle Ste Marie des Batignolles ansässigen Heiligen Therese von Lisieux ein Übermaß der Wunder ab. Und wahrhaftig überschüttet sie den Clochard Andreas über Nacht mit Zuwendungen. Das allerdings ist pure Verschwendung, denn der Sog des Abgrunds ist stärker.

Der Regisseurin und Bearbeiterin Alexandra Liedtke gelingt im Umgang mit dem Werk viel: Sie bleibt in größtmöglicher Nähe zum Novellentext, versetzt ihn bloß mehrfach in die Ich-Form und verschneidet ihn elegant erhellend mit Briefen Stefan Zweigs, der den taumelnden Kollegen aufzufangen versuchte. Ansonsten geht es nur um Roths Wort und eine schauspielerische Glanzleistung, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt. Joseph Lorenz packt alle Mittel eines ausnahmeformatigen Könners aus, Verwandlungs-Intensität ebenso wie eine nicht mehr oft zu hörende Sprechkultur.

Dezent und eindrücklich unterstützen ihn dabei auf leerer Bühne Julienne Pfeil, David Oberkogler und der auch musizierende Oliver Urbanski. Auch wenn uns die Erkenntnis zuletzt abhanden zu kommen droht: Mehr an Sensationen braucht Theater nicht.

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