Mit einer spannenden Dramatisierung von Bertha von Suttners Roman „Die Waffen nieder!“ startet das Grazer Schauspielhaus in die neue Saison. Regisseurin Sandra Strunz verleiht dem stilistisch angestaubten Klassiker eine zeitlose Qualität. Marielle Layher begeistert in der Hauptrolle.
„Ob es nicht bald wieder losgehen wird?“ Eine unvermeidliche Konstante des Lebens in Bertha von Suttners Roman „Die Waffen nieder!“ von 1889 ist der Krieg. Das Grazer Schauspielhaus bringt den Stoff zu Beginn der vierten Saison unter Intendantin Andrea Vilter als österreichische Erstaufführung auf die Bühne.
Regisseurin Sandra Strunz und Dramaturgin Anna-Sophia Güther verstehen es, dem inhaltlich so wichtigen, aber stilistisch doch recht angestaubten Stoff, zeitgenössische Facetten abzuringen, ohne ihn aus seiner Zeit zu reißen. So spielen sie etwa mit der Geschlechteridentität der Figuren und finden einen Ausdruck für eine der Besonderheiten des Romans: der weibliche Blick auf die männliche Welt des Krieges. Sowohl die Kostüme, als auch die eindrucksvoll-fragmentierte Bühne, die aussieht, als würde das Stück inmitten einer blutunterlaufenen Explosion spielen, stammen von Sabine Kohlstedt.
Zudem verpasst Strunz den Figuren ein choreografisch-musikalisches Korsett, das die gesellschaftlichen Rituale, zu denen auch die skurrile Präzision der Militarisierung zählt, sichtbar macht und mit typisch österreichischer Walzerseeligkeit in ihre Körper einschreibt: Ein erschrocken gestöhnter Radetzkymarsch ist nur einer der inszenatorischen Ideen, der den Stoff zum Leben erwachen lässt. Vor allem aber hebt die Inszenierung den so ernsthaft-predigenden Ton von Suttners Stoff im ersten Teil auf eine humoristisch-überzeichnete Ebene und kreiert so eine emotionale Fallhöhe, die den Schauer des Krieges, der die zweite Hälfte dominiert, umso schmerzhafter macht.
All diese inszenatorischen Fäden laufen bei der Hauptfigur Martha zusammen: Marielle Layher spielt die Frau, die sich von der Society-Lady zur Friedensaktivistin wandelt, mit einem grandiosen Mix aus zynischer Distanziertheit und völliger emotionaler Hingabe, aus ideologischer Stärke und individueller Verletzlichkeit. Sie allein ist es schon wert, sich diesen Abend anzusehen.
Doch um sie taumelt ein ebenso spannendes Ensemble von einer Schlacht zur nächsten: Marthas Vater (grandios: Anna Rausch) ist ein Soldat, der trotz Kriegsversehrtheit den Glauben an den Krieg nie verloren hat und Marthas Sohn (Luisa Schwab) zum Soldaten erziehen will. Ihre naiv-begeisterungsfähige Schwester Marie (Annette Holzmann) geht in ihrer Rolle als Cheerleaderin für die tapferen Soldaten auf. Marthas erster Ehemann Arno (Musiker Rainer Süßmilch überzeugt als kurzfristiger Einspringer) zieht ebenso begeistert in die Schlacht wie später ihr Cousin Konrad (Dominik Puhl). Nur Marthas zweiter Ehemann Friedrich (Mario Lopatta spielt ihn als liebevollen Idealisten, der durch sein Schicksal stolpert) scheint ihren Einsatz für den Frieden zu teilen.
Am Ende ist Martha eine alte Frau. Vorsichtig hoffnungsvoll blickt sie in eine Zukunft, in der sie sich von Internationalen Kriegsgerichten und einer Europäischen Union eine Besserung erhofft. Wir leben in dieser Zukunft und stehen doch noch mit der Frage da: „Ob es nicht bald wieder losgehen wird?“