Auf der Bregenzer Werkstattbühne erlebte das Publikum am Freitagabend mit „Passion of the Common Man“ ein überwältigendes Musiktheater, welches in Mark und Bein ging.
Auf den ersten Blick scheint diese „Schöne neue Welt“ (Zitat Aldous Huxley) gar nicht so übel. Alle Menschen sind gut drauf, „Joy“ („Freude“) ist das alles beherrschende Schlagwort. In dieser nahen Zukunft, die „Passion of the Common Man“ uns vorführt, gibt es keine Schmerzen, denn diese können mittels Substanzen wegtherapiert werden. Es gibt keine Probleme mit den Mitmenschen, denn lieber designt man sich diese mittels KI im jeweils gewünschten Ideal. Es gibt keinen Kontakt mehr mit der Natur, in der man sich ohnehin nicht mehr aufhalten kann, und Nahrungsmittel werden im Labor hergestellt.
Ein trauriger Bauer, ein optimierter Liebhaber
Doch da gibt es ein paar Personen, die sich noch erinnern an die Zeit vor der „Klippe“, an deren Übergang sich alles verändert hat. Ein Bauer etwa (Jacques Imbrailo), der den Hof von seinen Vorfahren übernommen hat und sich zurücksehnt in die Zeit, in der er mit seinen Händen noch die Erde spürte. Bereits die maschinelle Bestellung der Felder sei ein grausamer Einschnitt gewesen, denkt er im Rückblick. Oder die Frau (Emma Kajander), die sich an ihren Geliebten erinnert, an körperliche Berührungen, an Küsse. Doch als er sie verlassen hat, schafft sie sich mittels Algorithmen einen Mann, an dem alles noch perfekter ist und „der an geeigneten Stellen ein paar Zentimeter mehr hat“ (der einzige Schmunzler des Abends).
Der Wunsch, echten Schmerz zu erfahren
Und da ist schließlich ein anderer Mann (Aaron Godfrey-Mayes), der krank ist und sich wünscht, echten Schmerz zu erfahren. Ja, er geht so weit, diesen Schmerz stellvertretend für Menschheit erleiden zu wollen. Hier beginnt das Stück, das von Daniel Bjanrnason komponiert und dirigiert wurde und dessen Libretto von Royce Vavrek stammt, mystisch zu werden, denn wer denkt hier nicht an Jesus Christus, und heißt das Stück nicht „Passion of the Common Man“, also „Passion eines normalen Menschen“? Ganz im Sinne Johann Sebastian Bachs, dessen Passionswerke hier Pate standen, führt eine Kommentatorin durch die Handlung, die große Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter. Hier heißt sie „Master of Ceremonies“, und sie begleitet zusammen mit dem Chor ein immer heftiger werdendes Schmerzritual, das den Tod dessen, der hier „Stellvertreter“ für die Menschheit ist, herbeiführt.
Höchstleistung aller Mitwirkenden
Ein schockierendes, sprachlos machendes Werk, vor allem, wenn man bedenkt, wie weit wir schon in dieser Entwicklung stecken. Die Wirkung war umso eindringlicher, da sämtliche Mitwirkende eine Höchstleistung boten: der Chor des Bayerischen Rundfunks, die Sänger, das Symphonieorchester Vorarlberg und die Elektronik von Ida Shuften Juhl.