Erste Ballett-Premiere: Der Faun im Hirngespinst
John Neumeier, Altmeister des klassischen Tanzes, studierte seine Liebeserklärung an den Jahrhunderttänzer Vaslav Nijinsky mit dem Staatsballett ein. Das Ergebnis dieser ersten Saison-Premiere überzeugt nicht restlos.
„Zügellos“ und „niederträchtig“ erlebte die Kritik Vaslav Nijinsky als Faun. Als er 1912 den Schleier der entfleuchten Nymphe penetrierte. Ein neues Tanz-Zeitalter war damit eingeläutet.
Mit dem „Gott des Tanzes“ als Geburtshelfer, dessen androgyne Schwerelosigkeit berückte, dessen eckig extravagante Bewegungen ungebrochen faszinieren. Besonders Choreograf John Neumeier. Er setzte mit einem großen Abendfüller seinem Helden 2000 ein Denkmal, das er im „Pavillon d’Armide“ später verdichtete. Letzterer wurde 2017 in Wien gezeigt. Jetzt folgte das große „Nijinsky“-Ballett. Es ist keine Biografie, sondern eine Introspektion. Die hebt mit dem letzten öffentlichen Auftritt in St. Moritz an, der das Ende der beispiellosen Karriere und den Anbruch von dreißig dunklen Jahren psychischer Krankheit markiert.
Neumeier taucht in Nijinskys wirren Geist und lässt die Protagonisten seines Lebens und seiner Kreationen antanzen. Dazu bricht auch noch der Erste Weltkrieg herein. Davide Dato bezirzt als Geist der Rose, Rinaldo Venuti schalkt als Petruschka herum, der geschmeidige Victor Caixeta hat als Faun diesmal einen Dreier mit Nijinsky und seiner Frau Romola (Ketevan Papava). Eno Peci gibt Impresario Serge Diaghilew Profil, und Laurids Seidel schwingt jugendfrisch als Léonide Massine das Tennisracket (in Anspielung auf das Ballett „Jeux“).
Auch die Ballettschulzeit ist nicht ausgespart: In der kann Alessandro Frola als allzu leichtgewichtige Tanzlegende am ehesten überzeugen. Während Kollege António Casalinho ihn als im Wahnsinn endender Bruder Stanislaw atemberaubend an die Wand tanzt. Man ist gespannt, wie sein Nijinsky in den Reprisen ausfällt.
Neumeier choreografiert hochelegant, verschiebt die nicht immer präzisen Corps-de-Ballet-Massen raffiniert und entlockt seinen Solisten mitunter Atemberaubendes. Dennoch hat man es nicht immer leicht, das ganze Gewimmel und Gewusel zu entziffern. Hier wäre weniger und dichter viel mehr.