Hat Österreich ausreichend Ärzte, um unser Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten? Eigentlich schon, meint die Ärztekammer. Denn noch nie gab es in Österreich so viele Ärztinnen und Ärzte wie jetzt. Trotzdem droht dem Gesundheitssystem eine gewaltige Lücke: In den kommenden zehn Jahren erreichen rund 18.000 Mediziner das Pensionsalter. Besonders bei der Ausbildung gibt es einen gefährlichen Engpass – die Politik muss handeln.
Eigentlich sehen die Zahlen auf den ersten Blick gut aus: 53.353 Ärztinnen und Ärzte kümmern sich derzeit um die Gesundheit der Österreicher – ein neuer Höchststand. Seit 2024 ist ihre Zahl um 2,4 Prozent gestiegen. Bei den Turnusärzten gab es sogar ein Plus von 6,6 Prozent, bei den Fachärzten von 1,8 Prozent und bei den Allgemeinmedizinern von 1,5 Prozent.
„Wir haben genügend Ärzte, aber einen Mangel im öffentlichen System“, fasst Ärztekammerpräsident Johannes Steinhart das Problem zusammen. Denn während die Zahl der Mediziner steigt, nimmt auch der Bedarf zu. Österreichs Bevölkerung wächst und wird älter – damit werden mehr medizinische Behandlungen notwendig. Gleichzeitig sinkt die durchschnittliche Arbeitszeit, Teilzeit wird auch unter jungen Ärzten immer beliebter.
Das große Problem: Die Ärzteschaft altert schneller als wir ausbilden. In zehn Jahren sind rund 18.000 Mediziner im oder über dem Pensionsalter. „Wir bilden jährlich um mehrere tausend Ärzte zu wenig aus“, warnt Kammeramtsdirektor Lukas Stärker. Im Jahr kommen etwa 1300 neue Ärzte dazu, der Anteil an jungen Medizinern unter 35 Jahren lag 2025 aber nur bei 21,2 Prozent. 46,1 Prozent waren zwischen 35 und 55 Jahren, über 55 Jahren waren 32,7 Prozent.
In den kommenden zehn Jahren werden daher rund 18.000 Ärzte das Pensionsalter erreichen oder bereits überschritten haben. „Dank der Anpassung des Regelpensionsalters für Frauen hat sich die Situation etwas entschärft. Dennoch ergibt sich ein jährlicher Nachbesetzungsbedarf von 1836 Ärzten, allein um den Status quo bei der Kopfzahl aufrechtzuerhalten“, warnt Kammeramtsdirektor Lukas Stärker.
Mehr Studienplätze allein lösen das Problem allerdings nicht. Nach dem Abschluss folgt die Basisausbildung im Spital – und genau dort wartet bereits der nächste Engpass. Wie viele Stellen die Spitalsträger anbieten, ist nicht verbindlich geregelt. „Die Basisausbildung in den Spitälern wird zum Nadelöhr“, meint Steinhart.
Was die Ärztekammer von der Politik fordert
Die Ärztekammer fordert eine garantierte Mindestzahl an Basisausbildungsstellen. Die Politik müsse darüber mit den Spitalsträgern verhandeln. Von Zwangsmaßnahmen für junge Ärzte hält sie hingegen nichts: Der Nachwuchs müsse mit besseren Bedingungen für das öffentliche System gewonnen werden.
Dazu brauche es auch modernere Modelle in Kassenordinationen: Teilzeit, Job-Sharing, die Anstellung von Ärzten in Ordinationen und die Möglichkeit, gleichzeitig im Spital und im niedergelassenen Bereich zu arbeiten. Eine pauschale Verteufelung von Wahlärzten lehnt die Kammer ab.
Und auch die Bürokratie müsse dringend reduziert werden. „Denn Ärzte brauchen wieder mehr Zeit für das, wofür sie eigentlich da sind: ihre Patienten“, appelliert der Präsident.