Elfriede Jelineks Fulminanztext „Unter Tieren“ gerät den Salzburger Festspielen in Koproduktion mit dem Burgtheater vorzüglich. Trotz pausenloser 3 ¾ Stunden auf der Pernerinsel.
Die Art Luxus muss wohl Festspielen vorbehalten bleiben: Während der große Jelinek-Regisseur Jossi Wieler in diesem Salzburger Sommer mit Traumresultat bei Peter Handke unabkömmlich war, wurde für die Uraufführung der Nobelpreiskollegin der andere Spezialist bemüht. Tatsächlich ist Nicolas Stemann, ein Mann des sprachzentrierten Hochpräzisionsspektakels, für den Fulminanztext „Unter Tieren“ noch geeigneter als der hochmusikalische Verinnerlicher Wieler.
Kalt funkelnde Tierfabel
Jelineks Werk speist sich aus zwei Absichten. Einerseits ist das eine Tierfabel aus dem aufklärerischen Geist Äsops, Aristophanes’, La Fontaines, Lessings, Kiplings und Orwells: eine rasierklingenscharf geschliffene Satire auf das Verbrechen Kapitalismus, glänzend recherchiert und kalt funkelnd wie ein Brecht’sches Lehrstück. Benko, Kurz, Siegfried Wolf werden hart hergenommen, und in einer KI-fingierten Live-Schaltung mit Peter Thiel macht man sich, unabhängig vom Originaltext, über den entgleisten Aktionismus der Wiener Festwochen lustig.
Andererseits hat selbst Brecht in einer emotionalen Ballade ein armes, von halbverhungerten Armen in Stücke gerissenes Kutschpferd sprechen lassen. Und auch Elfriede Jelinek erklärt den Tieren, die hier in vielerlei Gattungen auftreten, ihre Liebe und Solidarität. Die Klagen der Schweine und Kühe, die zum Schlachter gezerrt werden, ohne einen Tag gelebt zu haben, sind Höhepunkte des Abends, aufwühlende Texte, die Stemann auf Katrin Nottrodts minimalistischer Bühne denkwürdig umsetzt.
Groteske mit starken Ruhepolen
Schauspielerisch lässt die Koproduktion mit dem Burgtheater keinen Luxus vermissen. Als Tauben, Füchse, Hasen, Dachse zeigen Caroline Peters, Mavie Hörbiger, Branko Samarovski, Inge Maux und Sebastian Rudolph wahre Brillanzstücke, gut unterstützt von Thiemo Strutzenberger und Azaria Dowuona-Hammond.
Die Produktion ist gut gearbeitet, im überdrehenden Groteskhumor wirken die Ruhepunkte umso stärker. Nur das Verfahren, die 3 3/4 Stunden ohne Pause durchzuspielen, geht nicht ganz auf. Zwar wird man eingeladen, die Aufführung zwischendurch auch im Freien zu genießen, und tatsächlich sammeln sich viele Zufriedene vor den Monitoren im Hof der Pernerinsel. Aber die Spannung leidet am pausenlosen Kommen und Gehen, und man denkt an die sieben Stunden des Jelinek’schen „Sportstücks“ zurück, die einen 1998 im Burgtheater Minute für Minute gefesselt haben.