„Kinderstadt“: Ohne Mauern lebt es sich besser
Was passiert, wenn jeder plötzlich einen eigenen Stadtteil bekommt? Dieses Gedankenexperiment erkundet Autorin Renate Welsh in „Alle Kinder nach Kinderstadt“, das nun im Theater der Jugend in der Wiener Neubaugasse erstmals auf einer Bühne zu sehen ist. Man sollte es nicht verpassen.
Eine Stadt für Kinder, eine für die Alten, eine für die Leser und eine für die Fußballer: Die neue Intendantin Aslı Kışlal eröffnet die Saison am Theater der Jugend mit „Alle Kinder nach Kinderstadt“, einer Parabel über das Zusammenleben für Kinder ab sechs Jahren von Autorin Renate Welsh. Der Stadtrat verkündet darin eine Neuerung: Jeder bekommt einen eigenen Stadtteil, abgetrennt durch intelligente Plastikblasen. Eva (Lara-Luna Wojtkowiak) wird am Tor zu Kinderstadt von ihrem geliebten Opa getrennt. Dort drin poltert Tyrannenkönig Manfred (grandios: Una Nowak), während seine Untertanen die Revolution planen.
Es war hoch an der Zeit, dass dieser Text nach 50 Jahren den Weg auf die Bühne fand. Regisseur Simon Windisch – seines Zeichens langjähriger Experte für Jugendtheater und neuer Leiter des Grazer Theaters TaO! – inszeniert humorvoll und detailverliebt, anfangs mit einem bunten Guckkasten, später mit Fingern so lang wie ein ganzer Arm und einer Nase so groß wie ein Kopf (Bühne: Rosa Wallbrecher, Kostüme: Karoline Bierner).
Bunt ist besser
Am Ende zeigt sich: Auch in Freiheit ist nicht alles eitel Wonne. Die, die es gerne leise mögen, müssen sich die Stadt mit den Schlagwerkern teilen. Das bedeutet Arbeit. Aber zumindest ist eine bunte Stadt nicht so langweilig wie ein Leben unter seinesgleichen. Und das kann man durchaus als programmatische Ansage für Kışlals Intendanz verstehen.