„La traviata“: Dem Sterben am See fehlt die Poesie
Premiere zur Festspieleröffnung: Musikalisch überzeugend, szenisch mäßig gelungen präsentiert sich die Neuproduktion von Giuseppe Verdis „La traviata“ auf dem Bodensee.
Achtzig Jahre ihres Bestehens feiern die Bregenzer Festspiele in diesem Jahr: Aus einem Provisorium auf zwei Kieskähnen hat sich die weltweit größte Seebühne entwickelt, die Opern auf höchstem Niveau für ein breites Publikum anbietet. Das Bühnenbild, besser gesagt, die Bühnenskulptur, ist lange vor der Premiere allgemein sichtbar.
Aktuell, bei Verdis „La traviata“, ist es ein zerbrochener Spiegel, Symbol für das Leben der Violetta Valéry. Als Kurtisane gibt sie sich den reichen Männern der Pariser Gesellschaft hin, sehnt sich jedoch nach einem anderen Leben. Als Alfredo Germont ihr seine Liebe gesteht, zieht sie mit ihm aufs Land. Die Idylle währt nicht lange. Alfredos Vater torpediert die Beziehung der Familienehre wegen, zudem leidet Violetta an einer todbringenden Krankheit.
Eine sehr intime Geschichte, doch mit Geschick kann man dergleichen auch auf die riesige Seebühne bringen, wie man in der Vergangenheit erlebt hat. Dem Regisseur Damiano Michieletto und seinem Bühnenbildner Paolo Fantin gelingt das nur zum Teil. Die Partygesellschaft der 1920er-Jahre, in die sie Handlung verlegt haben, gibt Raum für Buntheit und Frivolität, dazu Witz, wenn sich Tänzerinnen und Tänzer im Wasser tummeln: Fürs Erste zündet das, doch der Verlauf der Handlung wird zunehmend mühsamer.
Man fragt sich, wieso die armen Protagonisten ständig knietief im Wasser waten müssen, oder warum das Liebesnest des Paares, das Alfredo als „quasi in paradiso“ bezeichnet, aus einem nahezu kahlen Raum besteht, der gerade blassrosa ausgemalt wird – dieser Raum ist ein geöffnetes Segment des Spiegels. Der „Luxus“, in dem das Paar nach Aussage Vater Germonts lebt, zeigt sich später als große Projektion von kostbaren Blumen, wie überhaupt Projektionen immer wieder einen Teil der Geschichte fortspinnen. Als Alfredo zur sterbenden Violetta zurückkehrt und sie gemeinsam von einem neuen Leben träumen, sieht man ihr Liebesnest als Projektion, wo sich das Paar mit Malerpinseln neckt.
Auf der Bregenzer Seebühne wurde schon weitaus poetischer gestorben. Dieser Inszenierung fehlt es an Fantasie und einer überhöhenden Vision. Das Publikum erlebt eine nette Bebilderung, nichts weiter.
Umso dankbarer nahm es das hohe sängerische Niveau auf. Sowohl die Violetta von Marjukka Tepponen als auch der Alfredo von Julien Behr bestechen durch ihre farbenreichen und meisterhaft geführten Stimmen. Ebenso überzeugt Vater Germont alias Vladimir Stoyanov. Gut besetzt sind auch die kleineren Partien.
Der Prager Philharmonische Chor im Haus und der Bregenzer Festspielchor ohne Mikrofone auf der Bühne hatten bei der Premiere noch leichte Koordinationsprobleme. Ohne Tadel spielen die Wiener Symphoniker unter der Gesamtleitung von Kirill Karabits inne. Dafür gab es freundlichen Beifall, der beim Erscheinen der Hauptdarsteller merklich anschwoll.
Die ausverkauften Vorstellungen laufen bis 23. August in wechselnden Sänger- und Dirigentenbesetzungen.