Live in der Metastadt: Die „Paddy“-Magie existiert
Fast drei Stunden lang nahm Michael Patrick Kelly sein Publikum am Freitagabend in der Wiener Metastadt mit auf eine emotionale Reise. Zwischen alten Hits, persönlichen Geschichten und großen Friedensbotschaften wurde getanzt, gelacht, getrauert – und trotz tropischer Temperaturen bis zur Sperrstunde gefeiert.
Schon die Anreise zur Wiener Metastadt gestaltete sich für so manchen Konzertbesucher als kleine Herausforderung. Zahlreiche Absperrungen, viel Polizei und das etwas versteckt liegende Gelände machten die Suche nicht gerade leichter. Ursprünglich hätte Michael Patrick Kelly in der Wiener Stadthalle auftreten sollen, doch wegen des Eurovision Song Contests im Mai musste das Konzert verlegt werden. Im Nachhinein erwies sich die Open-Air-Variante jedoch als Glücksgriff – auch wenn selbst am Freitagabend noch tropische Temperaturen herrschten.
Für die ersten Gänsehautmomente sorgte bereits Julian le Play. Der Wiener Sänger ließ sich von der Hitze nichts anmerken und stimmte die rund 4000 Besucher mit kräftiger Stimme auf den Abend ein. Kurz nach 19 Uhr teilte sich schließlich die Menge. Links und rechts bildete sich eine Menschengasse, durch die Kelly Richtung Bühne schritt. Während er Hände schüttelte und Fans begrüßte, eröffnete er die Show bereits mit „Crossfire“. Ein Auftakt mitten im Publikum, der sofort zeigte: Dieser Abend sollte keine gewöhnliche Popshow werden.
Von absoluten Kelly-Family-Fans und der Stadt Kalkutta
Vor einer Kulisse, die an eine Mondfinsternis erinnerte, tanzte, drehte und wirbelte Michael Patrick über die Bühne. Bereits beim zweiten Song fiel die Jacke, dafür kam bei „The One“ die Gitarre zum Einsatz. Vor der Bühne standen dabei längst nicht nur Fans aus Kelly-Family-Zeiten. Neben Erwachsenen sangen auch zahlreiche Kinder mit und hielten selbst gebastelte Plakate hoch. Woher der musikalische Nachwuchs seine Begeisterung hat, ließ sich allerdings leicht erraten: Mama oder Papa dürften früher selbst große Kelly-Family-Fans gewesen sein.
Mit „Run Free“ zeigte der 48-Jährige früh, wie kraftvoll seine Stimme auch live klingt. „Servus Austria“, rief er ins Publikum und begrüßte die Fans zur „Traces“-Tour. Nachdem man die Stadthalle für den Song Contest habe „freimachen“ müssen, sei man nun eben Open Air zusammengekommen. Die kommenden Stunden sollten also „Für alle ein Safe Space“ sein, erklärte er. Nachrichten, Sorgen und Alltag dürften für zwei bis drei Stunden draußen bleiben. – im wahrsten Sinne des Wortes. Nach dem Titelsong „Traces“ schlug er mit „Blurry Eyes“ leisere Töne an, ehe „Best Bad Friend“ und „Throwback“ die Menge wieder tanzen ließen. Hände gingen in die Höhe, ganze Reihen wippten im Takt. Besonders stark wurde der Abend immer dann, wenn Kelly seine Songs mit persönlichen Geschichten verband. Für „Calcutta Angel“ erinnerte er sich an eine Reise, die sein Leben verändert hatte. Als junger, erfolgreicher Musiker habe er scheinbar alles besessen und dennoch eine Leere gespürt. Erst während eines Aufenthalts in einem Hospiz in Kalkutta habe er ausgerechnet bei jenen Menschen, die kaum etwas hatten, wieder zu sich selbst gefunden.
Erinnerungen, Wut und ein kleiner Patzer
Bei „Wildflower“ suchte Kelly erneut die direkte Nähe zum Publikum. Während des Refrains ließ er die Fans das typische „Lei, lei, lei“ übernehmen, stieg von der Bühne und sang zwischen Händeschütteln und Umarmungen einfach weiter. Der emotionalste Moment gehörte jedoch seinem verstorbenen Vater. „The Day My Daddy Died“ kündigte er als persönlichstes Stück des Albums an. Offen sprach Kelly über Wut, schwierige Erinnerungen und darüber, wie befreiend Vergebung sein könne. Nur von seiner Gitarre begleitet, sang er die Ballade, während am Ende ein Foto seines Vaters eingeblendet wurde. Viele im Publikum kämpften sichtbar mit den Tränen.
Damit der Abend nicht in Schwermut versank, holte Kelly die Fans mit „Wonders“ rasch wieder zurück. Sanitäter und Polizisten drehten währenddessen ihre Runden durch das Gelände und achteten bei der großen Hitze auf das Wohl der Besucher. Am Klavier zeigte Kelly bei „Glorious“, dass auch kleine Textpatzer ihren Charme haben können. „Oh Mist, jetzt hab ich’s“, lachte er, bevor das Publikum ihn mit einem langen „Na-na-na“ auffing.
Bei „K.H.A.“ wurde es erneut ernst. Kelly erzählte von einem Polizisten an der Golden Gate Bridge, der über Jahre hinweg Menschen vom Suizid abgehalten und zahlreiche Leben gerettet habe. „Die Welt ist kaputt, aber nicht verloren“, lautete seine Botschaft. Nicht aufgeben, Hoffnung bewahren – Sätze, die bei ihm nie wie einstudierte Konzertfloskeln wirkten.
„Peace Bell“ und die Liebe zu Aliens
Zwischendurch nahm er sich viel Zeit für seine Fans. Er entdeckte Fahnen aus Mexiko, Kanada, Kroatien, Slowenien und Österreich, las Plakate vor und scherzte mit den Besuchern. Eine Dame mit der Aufschrift „A hug from Poland“ bekam prompt eine Umarmung. Geburtstagskinder wurden mit einem Ständchen überrascht, Drumsticks flogen in die Menge.
Dann reichte eine einzige Frage, um die Metastadt kollektiv in die Vergangenheit zu schicken: „Ist jemand vor 1990 geboren?“ Mit Erinnerungen an Bravo-Hits-CDs, „Zombie“ und „Mr. Vain“ leitete Kelly schließlich „Fell in Love with an Alien“ ein. Spätestens da sangen wohl auch jene mit, die früher Poster der Kelly Family an der Wand hängen hatten. Emotionale Songs wie „Home“ brannten sich ins Herz ein, selbst die Coverversion von Bruce Springsteens „I’m on Fire“ hatte es in sich. Mit „America“ kehrten schließlich die lauten Töne zurück.
Doch bevor der Abend endgültig Richtung Finale steuerte, setzte Kelly noch einmal ein starkes Zeichen. Er sprach über Krieg, Granaten und Frieden und bat um eine Schweigeminute. Tatsächlich wurden 4000 Menschen still. Man hörte nur den Wind über das Gelände ziehen. Anschließend läutete er eine aus Kriegsschrott gegossene Friedensglocke. Mitten in einem Pop-Rock-Konzert standen plötzlich tausende Menschen schweigend zusammen – ein eindrucksvoller Moment, der nahtlos in „Symphony of Peace“ überging.
Pyroregen und glückliche Gesicher
Bei „O.K.O.“ regnete goldene Pyrotechnik von oben, bevor Kelly mit den Tracks „ID“, „Shake Away“ und einem lauten „Amadeus, Amadeus, Rock!“-Ruf noch einmal Vollgas gab. Natürlich ließen ihn die Fans nicht ohne Zugabe gehen. Mit „Got Your Back“ und „Beautiful Madness“ brachte er die Open-Airbühne ein weiteres Mal zum Beben.
„Ich hoffe, ihr geht glücklicher nach Hause, als ihr gekommen seid“, sagte Kelly zum Abschied. Bevor man mit „Holy“ den endgültig letzten Song anstimmte, erzählte er noch vom Gedicht „Spuren im Sand“ und schloss damit den Kreis zu seinem Album „Traces“.
Fazit: Michael Patrick Kelly sorgte für alle möglichen Gefühlsausbrüche an diesem Abend und brachte sowohl jung als auch Alt zum Tanzen. Die fast dreistündige Show war eine Reise durch Vergangenheit und Gegenwart, durch neue Songs und große alte Hits. Trotz tropischer Hitze hielt er die Stimmung konstant hoch – mit Charme, Witz, starker Stimme und erstaunlich viel Nähe. Die Magie des einstigen „Paddy“ ist also noch da. Doch Michael Patrick Kelly braucht die Kelly Family längst nicht mehr, um alle Menschen in seinen Bann zu ziehen.