Mama ist die Allerbeste in diesem „Chicago“
Sex, Crime, Betrug, Mord & Totschlag: Das Chicago der 1920er-Jahre lebt ungebrochen! Auch in seiner Musical-Form in der Volksoper, wo Lotte de Beer die Hitparade von John Kander, Fred Ebb & Bob Fosse an die glamourlose Feuermauer stellt.
Ein Lercherlschas waren auf gut wienerisch wohl die Maschinengewehrsalven von Al Capone. So überlaut verstärkt kracht einem das Musical-Vaudeville in der Volksoper ab sofort um die Ohren. Chicago um 1920 ist eben Brutalität, wenn sich Mörderinnen Revolverblatt unterstützt aus dem Gefängnis lügen, um Stars statt Büßerinnen zu sein. Zustände wie schon immer.
Das erklären die Kinderchormitglieder Hannah Lehner, Michael Mocnik, Victoria Schnul, die als Conférenciers die Nummern hinreißend zusammenkitten. Ein Licht in der rundum soliden Inszenierung Lotte de Beers, die sich in nüchternem Schmuddelglamour ergeht. Christof Hetzer hat graue Wände samt Kellerstiegen-Showtreppe auf die Drehbühne gestellt, Jorine van Beek steuert ziemlich verschmockte Kostüme bei.
Die drei Kleinen sind so lange von der medialen Sensationslust gepackt, bis sie vor einer Leiche stehen. Merk’s: Das Leben ist kein Ponyhof! Selbst wenn die Musik anderes verheißt. Dazu wird viel und etwas unterinspiriert von Arielle Smith choreografiert getanzt.
Dafür platzt Myrthes Monteiro als Velma Kelly beeindruckend geradezu vor Temperament und wirft die Beine in die Luft, bis ihr diese fast beim Singen ausgeht. Bettina Mönch erfreut als Roxie Hart mit höchster Gründlichkeit in Gesang, Schauspiel und Tanz. Lionel von Lawrences sympathischer Billy Flynn trifft fast alle Töne, Jakob Semotan gefällt als Verlierer Amos Hart.
Sie alle werden jedoch von der grandiosen Stimm-Wuchtbrumme Katia Ledoux als Mama Morton konkurrenzlos an die Wand gesungen und gespielt. Tänzer, Chor, Statisten stürzen sich dazu mit größter Verve in die Musicalschlacht. Maayan Franco stachelt das Orchester zu Lautstärke, Tempo, Swing und jazzigem Tonbemühen an. Ein Leichtes also, dass die Begeisterung ins wild zum jubeln entschlossene Publikum schwappt.