Der plötzliche Tod von Monika Helfer hat unzählige Menschen traurig gemacht. In einem persönlichen Nachruf erinnert sich Robert Schneider an die große Schriftstellerin – und ganz besondere Frau.
Ihre Schriften hatten nichts Mutwilliges. Kein elaborierter Anspruch ist in ihnen zu finden, nicht annähernd der Versuch, die Welt größer zu erzählen, als sie in Wirklichkeit ist. Die Sätze ihrer Prosa sind schlicht, aber genau. So genau, dass sie manchmal schmerzen oder zum Lachen hinreißen oder an die Sterne rühren. Sie hat immer von ihrer Welt erzählt, sich nie etwas ausgeborgt. Es waren immer ihre Sätze, ihre Geschichten.
Durch ihr Debüt „Eigentlich bin ich im Schnee geboren“ bin ich auf sie aufmerksam geworden. Mit „Die wilden Kinder“, der so charmant erzählten Geschichte von Bella und Angela, die sich nach dem geglückten Leben sehnen, habe ich sie in mein Herz geschlossen.
Eine geradezu asketische Zurückhaltung
Damals, in den 80er-Jahren, gab es drei große Frauennamen, die in der noch weitgehend unentdeckten Vorarlberger Literaturlandschaft in renommierten Verlagshäusern reüssierten: Monika Helfer, Ingrid Puganigg und Eva Schmidt. Monika Helfer hat mich am meisten beschäftigt.
Eine Generation älter als ich, habe ich sie schon damals als eine Art Doyenne der hiesigen Literatur empfunden. Ihre geradezu asketische Zurückhaltung im öffentlichen Diskurs, ihr leises Wesen, die ungekünstelte Noblesse, die sie auszeichnete, machten auf mich einen imposanten Eindruck. Ich, der ich gerade anfing zu schreiben, hatte Angst vor ihr, denn wer ihr begegnet ist, den schaute sie an, still und lange – und er war durchschaut.
Ein Nein war ein Nein, ein Ja war ein Ja
Viele Missverständnisse säumten ihren Weg. Hinter der nach außen so filigran, ja zerbrechlich wirkenden Frau verbarg sich eine eminent starke Persönlichkeit. Ein Nein war ein Nein. Und ein Ja ohnehin sonnenklar. Wer einmal eine Lesung mit ihr erlebt hat, kann sich gut an ihre so unendlich verhaltene Stimme erinnern. Rief jemand „Lauter, bitte!“, schwieg sie unbeeindruckt, um dann noch gedämpfter zu lesen. Durch ihren so wenig gehobenen Vortrag zwang sie die Zuhörer, erst wieder das eigene Gehör einzuordnen. Weg von all dem Lärm des Alltags. Zurück in die Stille, die hinter den Worten wohnt.
Sie hörte zu – und durchschaute einen sofort
Sie wohnte nicht im Elfenbeinturm. Sie war unglaublich geerdet. Eine genaue Zuhörerin mit lakonischen, witzigen Antworten.
Fast auf den Tag genau vor einem Jahr saßen wir beisammen. Im „Adler“ in Hohenems. Während Michael Köhlmeier und ich einander Anekdötchen aus unserem Leben erzählten und Romanideen wälzten, eine Art Kräftemessen unter Schriftstellerkollegen, saß sie schweigsam dabei und schmunzelte. Sie durchschaute mich sofort. Und vielleicht hat sie gedacht: Ach, Schneider, so viel heiße Luft!
Ihr jäher Tod hat mich traurig gemacht. Mehr, als ich dachte, und länger, als ich erwartete. Wir sind einander nicht oft begegnet, aber irgendwie wussten wir voneinander. Vielleicht mehr, als die Oberfläche hergibt. Gerne hätte ich Monika Helfer etwas von ihrem beredten Schweigen abgelauscht. Vielleicht verstünde ich mich dann besser.
Dort, wo immerwährendes Kindsein geschieht
Jetzt ging sie dorthin, wo immerwährendes Kindsein geschieht, wie es der persische Dichter und Mystiker Hafis so vollendet schön ausgedrückt hat. „Sie sang / als ein Kind / als ein ältestes Kind / Ihre Stimme / vergessen beinah / Vielleicht, dass wir den hellsten Stern nicht erreichen / Aber greifen werden wir nach ihm.“
Meine ganzen Gedanken sind bei Michael und seiner Familie. Was kann ein Dichter einem Dichter schenken? Vielleicht diese eigenen Zeilen:
„Jetzt, da es Abend wird, sind wir müde vom Verstehen. Eine Nacht fließt herein und schmiegt ihren Schatten an die Dächer. Dein Augenlicht aber lehrt mich: Du wirst mich nicht zudecken, mich nicht trösten, nicht über mich wachen – aus Wachsamkeit um dich.“