Kultur

Philipp Hochmair als Stierkämpfer & Blitzableiter

Philipp Hochmair als Stierkämpfer & Blitzableiter

Philipp Hochmair steht gerade wieder als Hofmannsthals Jedermann bei der Salzburger Festspielen auf dem Domplatz. Im Interview spricht er über Gier und Getriebenheit, Laster und Läuterung.

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Es gibt Schauspieler, die Rollen spielen. Und es gibt solche, die auf der Bühne Zustände erzeugen. Philipp Hochmair gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Heuer steht er zum dritten Mal als Jedermann in Salzburg auf der Bühne. Zwischen den Vorstellungen kam er ins Podcast-Studio des Kultur Kompass und sprach über seine Nacktheit auf dem Domplatz und seine vielen Rollen – als Stierkämpfer und Forscher, als Hirtenhund und Blitzableiter.

Kunstsoldat und kreativer Krieger
Die Vokabel, die Hochmair benutzt, wenn er über Theater spricht, klingen martialisch. Er bezeichnet sich als Kunstsoldat, als kreativen Krieger, als Kämpfer, der sich jeden Abend dem schnaubenden Stier – dem Publikum – stellt. „Am Beginn jeder Vorstellung gibt es diese große Energie, eine Art Vorspannung. Genau in die muss man hineinstechen, mit ihr umgehen. Ich sehe mich da auch als Kopf eines Forscherteams, das jeden Abend in eine neue Energie vordringt. Das kann sehr produktiv sein!“

Jeder Abend ist dabei anders. „Würden wir wie Roboter immer gleiche Spielvorgänge abspulen, wäre das völlig uninteressant. Dieses Spiel entsteht jeden Abend aufs Neue – das ist absolut belebend!“

Die Hochenergie, die Hochmair dabei anzapft, entsteht über das Publikum: „Das Spiel hätte ohne Zuschauer gar keinen Sinn. Darum sind wir besonders sensibel auf Reaktionen. Ich bin eine Art Hirtenhund, der auf und ab rennt und versucht, die Zuschauerreihen zusammenzuhalten.“

Der Text als heilige Spielanweisung
Als bejubelter „Jedermann“ in Salzburg tritt er dessen letzte Reise erstmals wie im Text „nackt und bloß“ an. Macht das beim Spielen einen Unterschied? „Der Text ist das Gesetz und wie sehr wir dem Gesetz folgen jeden Abend, ist dem Zufall überlassen. Aber es ist die Spielanweisung. Und die ist heilig – mir zumindest.“

Der geläuterte Jedermann des Finales geht dem 52-Jährigen besonders nahe: „Dieser Mensch, der mit Leichtigkeit gehen kann, dieser innere Frieden nach der Katharsis: Nach diesem Zustand sehen sich wohl alle Menschen. Dass man glücklich ist auf Erden, ohne Getriebenheit, ohne Gier. Das ist der große Gewinn des Abends, dass ein Prasser, der nicht aus sich herauskommt und der seine Grenzen nicht zieht, ganz frei und leicht entschlafen darf.“

Das macht den gebürtigen Wiener auch abseits der Bühne nachdenklich: „Es geht um eine Seelenwandlung auf der Welt. Theater ist ein ganz wichtiger Schlüssel, um an mir und an meiner Seele zu arbeiten.“

Dafür sucht Hochmair sich gerne Figuren im Ausnahmezustand aus – Jedermann, Werther, Kafka-Charaktere. Woher kommt dieser Hang zum Extremen? „Wir wollen ja nichts Normales auf der Bühne sehen. Das Alltägliche haben wir sowieso ständig um die Ohren. Wir wollen uns da ausklinken, etwas Extremes sehen, um unsere eigenen hohen Ausschläge bewältigen zu können.“

Auch für die Zuseher bedeutet das Arbeit: „Diese Arbeit muss man auch leisten wollen. Aber man geht ja nicht ins Theater, um sich wohlzufühlen. Man geht in die Eisrevue, um sich wohlzufühlen, oder in ein Restaurant. Aber Theater ist ein Ort, wo man auch sein Denken überprüfen darf, eine Wandlung durchmachen kann.“

Zeremonienmeister gegen Verbrennungen
Dafür stellt sich der Schauspieler zur Verfügung: „Wie ein Zeremonienmeister oder ein Blitzableiter: Ich verbinde mich mit einer kosmischen Energie, die durch mich fließt. Dadurch kann ich diese Extreme als einer für alle erleben. Dann kann der Zuschauer das von außen miterleben – und muss sich nicht selbst die Finger verbrennen.“

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