Putin schielt auf Geschäft von Lebensmittelgigant
Wladimir Putin hat offenbar ein Auge auf den Wirtschaftsgiganten Nestlé geworfen. Ein dubioses russisches Unternehmen hat einen Antrag auf Zwangsverwaltung der dort ansässigen Tochtergesellschaften gestellt. Das Vorgehen gegen die Schweizer erinnert an die Enteignung anderer Lebensmittelriesen ...
Der Großkonzern Nestlé könnte seine Entscheidung bitter bereuen, sich nach Putins Überfall auf die Ukraine nicht aus Russland zurückgezogen zu haben – und vor allem teuer bezahlen.
Das russische Unternehmen KS Logistika hat Präsident Putin aufgefordert, fünf russische Nestlé-Gesellschaften unter eine vorübergehende Verwaltung zu stellen, wie die russische Wirtschaftszeitung „Kommersant“ am Anfang der Woche berichtete. Eine solche Maßnahme könnte laut der Zeitung ein erster Schritt zu einem späteren Eigentümerwechsel sein.
Strohmann-Verdacht liegt nahe
Die russische Regierung will die Forderung bis Jahresende „prüfen“. KS Logistika begründet den Vorstoß demnach unter anderem damit, dass Nestlé seine Produktionskapazitäten nicht ausbaue und keine in Russland hergestellten Waren mehr exportiere.
Es gilt als wahrscheinlich, dass hinter der bürokratischen Fassade kremlnahe Oligarchenkreise stecken. Das Vorgehen ist mittlerweile ein gängiger Weg, um über Briefkastenfirmen innerhalb Russlands ausländisches Vermögen umzuverteilen. Die Nutznießer des russischen Machtapparates müssen eben bei Laune gehalten werden.
Neue Unternehmen gegen „freiwillige“ Spenden
Politologen zufolge seien bedeutende Teile aus der russischen Macht- und Wirtschaftselite unzufrieden mit dem Kriegsverlauf und den daraus resultierenden wirtschaftlichen Problemen. Zumal die Superreichen zuletzt dazu verdonnert wurden, „freiwillig“ die Kriegskassen zu füllen. „Der Kreml hätte also ein Motiv, die Stimmung wieder anzuheben, indem er eine wertvolle Firma wie Nestlé verscherbelt“, heißt es in einer Analyse des Schweizer Fernsehens SRF.
Die neuen russischen Betreiber kämen im Zuge einer Zwangsübernahme „quasi für ein Butterbrot zu viel Know-how“ darüber, wie Nestlé seine Produkte herstellt.
Vorgehen erinnert an Danone und Carlsberg
Vorbild könnte dabei Danone sein: Die französische Firma wurde letztlich für sehr wenig Geld dem Vertrautenkreis des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow zugeschanzt. Kadyrows Neffe wurde sogar zum neuen Geschäftsführer von Danone in Russland.
Danone verkaufte das Geschäft 2024 schließlich für rund 180 Millionen Euro und verbuchte insgesamt einen Verlust von 1,2 Milliarden Euro.
Ähnlich erging es dem dänischen Brauereikonzern Carlsberg. Dessen Russland-Geschäft wurde ebenfalls 2023 unter staatliche Verwaltung gestellt. Ende 2024 schloss Carlsberg den Rückzug mit einem Management-Buy-out über 320 Millionen Dollar (276,65 Mio. Euro) ab. Heineken wiederum gab seine russische Tochter für den symbolischen Preis von einem Euro ab und verbuchte einen Verlust von insgesamt 300 Millionen Euro.
Russland verschärfte in den vergangenen Jahren die Rahmenbedingungen für ausländische Unternehmen. Unter anderem schuf das Regime Instrumente, um mehr Einfluss auf Firmen nehmen zu können.
Für Nestlé geht es um Milliarden
Die Analysten der US-Bank JPMorgan halten einen Verlust des Russland-Geschäfts inzwischen für möglich. Sollte Nestlé zu einem Verkauf gezwungen werden und dabei kaum einen Erlös erzielen, könnte dies den Gewinn je Aktie (EPS) um rund 3 bis 4 Prozent schmälern.
Alleine die aktuellen Berichte belasten die Aktie stark. Der Titel verlor in den vergangenen Tagen mehr als 2,5 Prozent und war damit der schwächste Bluechip im Schweizer Leitindex SMI.
Der Lebensmittelgigant wurde von der Ukraine lange Zeit für sein Engagement in Russland kritisiert und auf einer Liste von „Kriegssponsoren“ geführt:
Nestlé selbst ist nun um Schadenbegrenzung bemüht. Die Schweizer seien bisher nicht von staatlichen Stellen in dieser Sache kontaktiert worden. Die Fabriken und Büros arbeiteten weiter und der Konzern erfülle seine Verpflichtungen. Ein Rückzug aus dem Land sei derzeit kein Thema.
Nestlé erwirtschaftet laut einem Unternehmenssprecher in Russland rund zwei Prozent des Konzernumsatzes – also knapp zwei Milliarden Franken. Es geht um viel Geld, Existenzängste dürften sich beim Schweizer Großkonzern aber keine breit machen. Das Unternehmen betreibt in Russland sechs Produktionsstandorte und stellt unter anderem Kaffee, Süßwaren, Babynahrung und Tierfutter her.