„Romeo und Julia“ in einer dystopischen Zukunft
Etienne Bechard inszeniert „Romeo und Julia“ nach Sergej Prokofjew an der Grazer Oper. Er verlegt den Klassiker in eine postapokalyptische Welt und punktet mit grandiosen Bildern und einer kraftvollen Tanzsprache. Nur die musikalische Konzeption des Abends gibt Rätsel auf.
Aufgetürmte Hausteile und ausgebrannte Autowracks – viel ist nicht mehr übrig von der sogenannten Zivilisation. Es ist eine Welt nach einer großen Katastrophe in der Etienne Bechard „Romeo und Julia“ verortet. Der Kampf zwischen den Capulets und den Montagues ist längst kein schnöder Klanzwist mehr – es geht ums Überleben in einer kaum noch lebbaren Welt. Und just da blüht die Liebe zwischen Romeo und Julia auf.
Sergej Prokofjew hat die wohl berühmteste und packendste Ballettmusik zu Shakespeares großem Klassiker geschrieben. Daran orientiert sich auch die Grazer Inszenierung – jedoch nur teilweise. Denn immer wieder kippt sie in andere musikalische Welten. Warum? Das bleibt leider ein Rätsel. Denn weder die Pop-Songs der 1960er und 70er, noch die elektronischen Soundscapes, die eingefügt werden, erweitern das emotionale Spektrum der Inszenierung. Vor allem weil die Grazer Symphoniker unter Marius Burkert der Musik von Prokofjew eigentlich mit wunderbarer Spielfreude Größe und auch Tiefe verleihen. Jede Nummer vom Band wird da eher zum Störfaktor als zur Bereicherung.
Freilich könnte man just in diesen „Störungen“ ein musikalisches Konzept für die postapokalyptisch-fragmentierte Welt erahnen, in der Bechard den Klassiker ansiedelt. Dafür jedoch sind diese dann aber nicht effektiv und konsequent genug gesetzt. Denn die Soundscapes klingen beliebig und die Auswahl der Popsongs ist (freundlich formuliert) nicht sehr subtil: Die Balkonszene erlebt man zu „The Look of Love“ und Julias tragische Emanzipationsszene von ihren Eltern geht zu „You Don‘t Owe Me“ über die Bühne. Ja, na eh!
Optische Anleihen bei „Mad Max“
Damit zerstört der Abend sich einen Teil seiner wunderbar aufgebauten Intensität leider selber. Denn rein optisch ist „Romeo und Julia“ ein Erlebnis. Bühnenbildnerin Isabel Toccafondi nimmt Anleihen beim postapokalyptischen Kinoklassiker „Mad Max“ und versetzt Shakespeares Klassiker damit in eine sinnlich-dystopische Welt. Auch Kostümbildner Thomas Bradley trägt mit wunderbar wilden Ideen dazu bei, dass diese Welt optische Tiefe hat. Und selbst die Choreografie von Bechard besticht mit einem smarten Mix aus kraftvoller Athletik und zarter Verzweiflung, den das Ensemble – angeführt vom grandiosen Duo Gionata Sargentini (Romeo) und Kirsty Clarke (Julia) – eindrucksvoll auf die Bühne bringt.
So entstehen viele tolle Bilder und Szenen, die Bechard auch sehr gut auf die jeweilige Musik taktet. Und sowohl optisch wie auch in der Tanzsprache ergibt sich eine spannende Dramaturgie. Nur die Musik schert halt aus. Das Premierenpublikum reagierte dennoch mit frenetischem Applaus und Standing Ovations!