Kultur

Sleaford Mods: Die Extra-Zwiebel auf dem Burger

Sleaford Mods: Die Extra-Zwiebel auf dem Burger

Drei Jahre nach ihrem letzten Stelldichein in Wien geigten die Nottinghamer Postpunk-Spoken-Word-Proleten Sleaford Mods Dienstagabend in der Wiener Arena auf. Eineinhalb Stunden drehten Jason Williamson und Andrew Fearn die englische Regierung, Korruption und Lobbyisten durch den kulturellen Fleischwolf und bewiesen eindrucksvoll – das Simple kann oft die größte Kraft entfachen.

Minimalismus, Nihilismus, Anarchismus – und dieses Dreigespann in Reinkultur. Willkommen in der gar nicht mal so bunten Welt der Sleaford Mods, die in der funktionierenden Besetzung Jason Williamson am Gesang und Andrew Fearn als DJ und Loop-Maker vom Underground-Schmankerl zu einträglichen Erfolgsmusikern mutiert sind. Die Arena-Show war seit Wochen ausverkauft, mit dem im Jänner veröffentlichten Album „The Demise Of Planet X“ wiederholten sie ihre erfolgreiche Formel angepisste Texte plus schräge Beats ergibt Zeitgeistphänomen. Wobei – zeitgeistig ist der Powersound der beiden Freunde längst nicht mehr. Mittlerweile haben sie es in den Kanon britischer Kultbands geschafft, was Frontmann Williamson im „Krone“-Talk vor dem Auftritt gewohnt genervt beiseite wischt. „Das ist nett, aber nichts, dem man nachjagt. Mich pisst es eher an, wenn andere Bands so kategorisiert werden, also pisst wohl viele Menschen an, wenn das jetzt mit uns so passiert. Es ist wie eine Extrazwiebel auf einem Burger. Ganz nett, aber auch nicht sonderlich relevant.“

Rau und ruppig vor die Kamera
Gerade diese „Fuck-Off-Attitüde“ lieben die Fans besonders an den Mods. Williamson, der vor dem Durchbruch 2015 jahrelang völlig ohne Erfolg seiner Vision folgte, hat sich mit den ausverkauften Hallen und respektablen Chartplatzierungen um keine Nuance verändert. In seinen Texten ledert er gegen die britische Regierung, Korruption und die steigende Dummheit der Gesellschaft ab, in Interviews bekräftigt er seine Direktheit meist mit noch klareren Botschaften. Kein Wunder, dass man einen äußerlich wie innerlich ruppigen und authentischen Charakter wie Williamson auch vermehrt ins Filmgeschäft einbaut. Rollen in „Peaky Blinders“, „Bird“ oder „Game“ stehen zu Buche, Weiteres lässt er aber eher entspannt auf sich zukommen. „Im Film kommt keine Kohle rein, schließlich spiele ich auch keine Hauptrolle in einem Superheldenfilm“, so der bald 56-Jährige, „aber das ist okay so. Wir können von den Sleaford Mods leben. Wir finden uns beide noch immer interessant und sind kreativ. Es könnte schlimmer sein. Und wenn sich im Film etwas ergibt: schön. Wenn nicht: auch schön.“

Mit Andrew Fearns Einstieg 2012 wellte sich auch die Erfolgskurve in die richtige Richtung. Der Grundsound wurde schnell gefunden, Hits wie „Kebab Spider“, „Mork N‘ Mindy“ oder „Jobseeker“ folgten und die Hallen wurden größer und voller. „Wir machen nichts anders als früher. Wir haben unseren Sound etwas erweitert, trauen uns in neue Richtungen und haben Spaß an dem, was wir machen. Natürlich ist es heute ein Job und nicht mehr nur Vergnügen, aber alles andere ist gleichgeblieben. In diesem Leben, wo du ständig gestresst bist, um dir was zu Essen kaufen und eine Heizung aufdrehen zu können, bin ich schnell draufgekommen, dass es besser ist, zumindest etwas zu machen, das mir Spaß macht.“ Zehren die Sleaford Mods von der schlechten Lage der Welt? „Die Welt war schon immer ein beschissener Ort, Regierungen haben Menschen schon immer wie Dreck behandelt. Überall sind Scheinheilige und Blender. Früher wurdest du wenigstens nur vom Fernsehen verblödet, mittlerweile hat jeder Mensch das Ding in der Tasche, das ihn immer dämlicher werden lässt. Es ist nett, wenn die Menschen verstehen, worum es uns geht, aber es macht keinen Unterschied, wie wir unsere Songs schreiben.“

Existenz in mehreren Welten
Auch Vollblutmusiker Fearn lebt lieber im Moment, als sich von Hypothesen und Konjunktiven erschüttern zu lassen. „Seit ich 16 bin, mache ich Musik und bin dabeigeblieben. Wir haben eine Formel gefunden und rücken davon nicht mehr ab. Warum auch? The Cult haben sich in ihrer Karriere oft verändert, aber wozu? Wem bringt das etwas? Wir würden unseren Sound nie zu weit verändern, davon hat doch niemand was.“ Williamson habe sich auch menschlich stark verändert. „Musik war früher für mich ein Wettbewerb. Das ist völliger Bullshit. Komplett engstirnig, sich mit anderen zu messen und versuchen, besser zu sein. Absoluter Schwachsinn, aber ich war auch jung und dumm. Zum Glück sind wir mittlerweile erwachsen.“ Fearn freut sich über die geregelten Arbeitszeiten. „Wir sind mehr wie eine klassische Pop-Band. Um 20, 21 Uhr geht’s auf die Bühne und ab die Post. Wäre ich House-DJ, müsste ich wahrscheinlich immer um 3 Uhr loslegen. Das würde keiner von uns mehr aushalten.“ Für Williamson sind die Sleaford Mods wie Dominosteine. „Schwarze Steine und weiße Punkte. Die schwarzen Steine stehen für unsere Kreativität, die Punkte für den kommerziellen Erfolg. Wir existieren in beiden Welten.“ Was die Zukunft bringt, weiß man nicht zuletzt wegen der KI nicht. „Unmöglich zu erraten. Man muss sich mit allem arrangieren können.“

Viel lieber konzentrieren die Sleaford Mods sich ohnehin auf die Gegenwart und die ist rosig. In der randvollen Arena ist die Stimmung früh am Siedepunkt, mit Songs wie „The Unwrap“, „The Good Life“ oder „Shoving The Images“ starten die Briten fulminant ins Set. Williamson zelebriert seinen speziellen Ausdruckstanz und umschmeichelt das Mikrofon wie eine frische Geliebte, während Fearn hinter den Turntables das macht, was er live seit mehr als einem Jahrzehnt macht – absolut nichts. Hat er die Konzertzeit vor ein paar Jahren noch mit dem gemütlichen Trinken von Dosenbier überbrückt, ist mittlerweile auch das passe. Mit Mitte 50 ist eine gute Fitness nicht unerheblich – das ist den beiden angesichts ihres dichten Arbeitsprogramms bewusst. Überhaupt ist das Bühnensetting der Sleaford Mods in seiner Schlichtheit singulär. Es braucht dazu: zwei Personen, einen Mikroständer, ein Mikrofon, ein Case auf dem ein vorprogrammierter Laptop steht, damit Fearn nach jedem Song einen Knopf drücken kann und zwei Ventilatoren, die auch rege genützt werden, um sich wahlweise den Kopf oder den Hintern zu kühlen.

Die Wut kommt aus dem Herzen
Doch in dieser vermeintlichen Simplizität liegt die große Kunst der Unterhaltung. 1000 Menschen allabendlich in ausverkauften Venues mit aggressiv-politischem Sprechgesang und trippigen Lo-Fi-Beats zu unterhalten, ohne dabei auf irgendein optisches Gimmick zu setzen, ist modernste Effektverweigerung der allerbesten Sorte. Dass die beiden mittlerweile acht Alben im Talon haben, ist gut für die Setlist. Doch zwischen den zeitlich weit auseinanderliegenden Tracks wie „UK Grim“, „Kebab Spider“, „Mork N Mindy“ oder „The Demise Of Planet X“ liegen keine großen Unterschiede. Mal flotter, mal sanfter, mal harscher, mal entschlackter. Die Erfolgsformel steckt in der Authentizität der beiden. Den aus der Arbeiterschicht stammenden Musikern ist das Keifen gegen das Establishment eine Herzensangelegenheit, zumal Williamson sogar aus derselben Kleinstadt stammt wie die verhasste Margaret Thatcher. Cover-Versionen der Pet Shop Boys oder von The Prodigy lockern auf, verwässern aber die Message nicht. Metaebenen-Humor der besonderen Güte: Andrew Fearns „I hate Golf“-T-Shirt am Abend vor den Midterm Elections in den USA – Präsident Donald Trump ist bekanntlich begeisterter Hobbygolfer. Das Simple ist oft echt und das Echte kann wehtun – und je perfekter und digitaler die Welt wird, umso mehr wollen wir uns spüren. Das macht die Sleaford Mods so wichtig.

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