Spanien ignorierte Warnung vor Ceuta-Sturm
Fast 60.000 Migranten haben binnen 24 Stunden die spanische Exklave Ceuta überrannt und bei den Anwohnern Panik ausgelöst. Inzwischen hat sich die Lage wieder etwas beruhigt. Jetzt werden aber schwere Vorwürfe laut: Die Regierung soll Warnungen vor dem Flüchtlings-Ansturm ignoriert haben, weil sie abgelenkt war.
Für die spanische Regierung soll die Flut an Migranten in der nordafrikanischen Exklave aus Marokko überraschend gekommen sein. „Wir hatten keinerlei Informationen“, gab ein hochrangiges Regierungsmitglied gegenüber der spanischen Zeitung „El País“ zu. Wenn die Regierung den Flüchtlingsstrom hätte vorhersehen können, wären nicht so viele Menschen ins Land gekommen, erklärte der Insider.
Dabei soll es sogar mehrere Warnhinweise gegeben haben. Die nationale Gendarmerie Spaniens und Ceuta-Regionalpräsident Juan Jesús Vivas schlugen mehrmals Alarm, dass immer mehr Migranten über das Wasser nach Ceuta kommen würden. „Es gab einen stetigen Zustrom von Menschen“, räumte ein weiteres hochrangiges Regierungsmitglied gegenüber „El País“ ein. Allerdings: „In diesen Tagen sprach aber niemand über Ceuta.“ Und dann flog der Regierung „praktisch über Nacht“ alles um die Ohren.
Spanier waren abgelenkt
Denn die Spanier waren von einem dringlichen Problem am Festland abgelenkt. In mehreren Regionen wüteten heftige Waldbrände, fast 100.000 Menschen mussten evakuiert werden. Eine Woche lang sollen sich das Premierministeramt und mehrere Ministerien darauf konzentriert haben, die Lage unter Kontrolle zu bringen – darunter auch das Innenministerium, das für den Grenzschutz verantwortlich ist. Die Grenze zu Marokko habe in dieser Zeit keine große Rolle gespielt.
So schnell wie die Lage in Ceuta eskaliert ist, soll sie sich auch schon wieder beruhigt haben. Der spanische Außenminister José Manuel Albares erklärte die Krise am Freitag praktisch schon für beendet. Fast alle der 60.000 Migranten seien schon wieder in das angrenzende Marokko zurückgereist. Einige sind aber doch in Ceuta geblieben, die Aufnahmestellen sind überlaufen. In der Nacht auf Samstag streiften Migranten durch die Straßen, unter anderem suchten sie einen Schlafplatz, wie Bilder des Senders RTVE zeigen.
Kritik von Nachbarn
Die aktuelle Lage ist ohne Frage immer noch äußerst herausfordernd für die Spanier. Die europäischen Nachbarländer zeigten sich aber nicht besonders mitfühlend, stattdessen hagelte es Kritik von allen Seiten. Italien griff zu einem besonders drastischen Schritt und setzte das Schengen-Abkommen mit Spanien vorübergehend außer Kraft, Frankreich verstärkte die Grenzkontrollen.
Auch Österreichs Kanzler Christian Stocker (ÖVP) fand deutliche Worte. „Zustände wie diese dürfen in der Europäischen Union keinen Platz haben“, sagte er. „Spanien gefährdet die gesamte Europäische Union“, kam harsche Kritik auch von Europaministerin Claudia Bauer. Migrationskommissar Magnus Brunner versicherte nach einem Gespräch mit Minister Albares, dass „keine einzige Person“ die Grenze zum EU-Festland übertreten habe.
EU-Krisensitzung
Experten der EU-Mitgliedstaaten wollen sich am Samstag in einer Krisensitzung über die Entwicklungen der vergangenen Tage austauschen, wie ein Sprecher der irischen Ratspräsidentschaft mitteilte. Vermutlich werden die Gesprächsinhalte aber hinter verschlossenen Türen bleiben. Am Montag kommen dann die Botschafter der EU-Staaten zusammen, um die Entwicklungen zu bewerten und die weitere Koordinierung zu erleichtern.