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Stocker in Graz: Zwei Stunden lang ein Wunderwuzzi

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Am heißesten Tag aller Zeiten stellte sich Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) in Graz den Fragen von 150 Bürgern. Wann es hitzig wurde, wo der Regierungschef cool blieb und warum er die Sonne nicht abdrehen kann. 

Als der Schweizer Marcel Koller vor mittlerweile 15 Jahren rot-weiß-roter Fußballteamchef wurde, wurde ihm zum Antritt eine für Nicht-Österreicher schwierige Frage gestellt: Ob er denn ein Wunderwuzzi sei? Fußball-Fans wissen: Koller war es nicht. 

Wer Dienstagabend in der Grazer Seifenfabrik zuhört, hat das Gefühl: Als Bundeskanzler sollte man ein Wunderwuzzi sein. Zumindest, wenn man sich wie Christian Stocker in einer Bundesländer-Tour den Fragen von 150 von einem Meinungsforschungsinstitut ausgewählten Personen stellt. Denn auch wenn das Publikum teils offensichtliche ÖVP-Nähe hat, gibt es gar nicht wenige kritische Fragen. Vor allem aber: Der Themenmix ist bunt, von der Energiewirtschaft über den Medizin-Aufnahmetest, die Kinderkrippen und das Gesundheitswesen bis zur Industrie-Transformation. 

Graz markiert Halbzeit der Sommertour
Die Steiermark ist die fünfte von neun Stationen der Sommertour. Was hat ihn bisher am meisten überrascht? „Bei drei von vier Stationen kommt die Ausbildung der Rettungssanitäter zur Sprache.“ Lange dauert es auch in Graz nicht, bis ein junger Mann das Thema anspricht. 

Manche Stellungnahmen sind wie aufgelegte Elfmeter, etwa ein Bekenntnis zur Familie („Es bedrückt mich, dass Kinder mittlerweile als Business Case gesehen werden – wir müssen Ja zu Kindern sagen“), der geplanten Sozialhilfeform („wird im Herbst kommen“) oder zur Arbeitsmoral: „Fleiß ist ein Wert, zu dem ich mich bekenne. Was ich nicht erarbeite, werde ich nicht haben.“ Großer Applaus. 

Aufgelegte Elfmeter und trockene Konter
Auch das Thema Migration und damit verbundene Sorgen („Man kann am Abend nicht mehr hinausgehen“) dürfen nicht fehlen: „Wir haben unsere Grenzen dichtgemacht und sind erfolgreich“, betont Stocker. In puncto Integration werde man von Zuwanderern stärker gemeinnützige Tätigkeiten einfordern: „Es gibt so viele Tätigkeiten, wofür man keinen Nobelpreis braucht.“  

Stocker scheut auch vor klaren Ansagen nicht zurück. Als ein Mann vorschlägt, dass die Unternehmensberater von McKinsey „durch das Parlament fegen“ sollen, kommt eine deutliche Absage: „Dann können wir die Demokratie vergessen! Es gibt einen Riesenunterschied zwischen Unternehmen und Politik.“ Auch Datenschutzbedenken zur elektronischen Gesundheitsakte ELGA kann der Kanzler nur bedingt nachvollziehen: „Wir geben Google und Meta freiwillig unsere Daten, aber dem Staat vertrauen wir nicht?“ Als die Schwierigkeit bei Jus-Prüfungen kritisiert wird, kommt ein trockener Konter: „Sie bekommen ein kostenloses Studium, da müssen Sie sich schon plagen.“

Klares Bekenntnis zur Ukraine-Hilfe
Als ein Mann scharfe Kritik an der Hilfe für die Ukraine äußert („Warum folgen Sie willfährig dieser unsäglichen Von der Leyen?“), erinnert Stocker an die Generation seiner Eltern, die Österreich mit Unterstützung der USA wieder aufgebaut haben. „Die Ukraine ist überfallen worden, es ist ein brutaler Krieg. Und Europa soll nicht solidarisch sein?“

Konkrete Fragen zur ÖVP umschifft Stocker gekonnt, führt er doch die Tour als Bundeskanzler (und auf Kosten des Bundeskanzleramts) durch. Doch die Positionen der Volkspartei werden – in einer kommunistisch regierten Stadt – standhaft vertreten, etwa gegen neue Vermögenssteuern, für das Unternehmertum und den Kapitelmarkt. 

Nach mehr als zwei Stunden endet die Veranstaltung in der klimatisierten Seifenfabrik und es geht hinaus in den bisher wärmsten Tag des Jahres. Ach ja, das Thema Hitze durfte davor natürlich nicht fehlen und wurde mehrmals angesprochen. Stocker verteidigte die Regierung und wies zurück, man tue zu wenig. Aber man könne nicht alle Dinge lösen, so ehrlich müsse man sein. „Manchmal frage ich mich: Warum findest du den Schalter nicht, um die Sonne abzudrehen?“ Dafür müsste man wohl der größte Wunderwuzzi sein.