Wie Handke sein Werk entschweben lässt
Die Uraufführung von Peter Handkes Prosatext „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ gerät Iffland-Ring-Träger Jens Harzer und den Salzburger Festspielen zum Virtuosenstück.
Bildung und Kunstsinn als machtvolle Argumente gegen den barbarischen Dilettantismus der Zeit: Dass sich das vorletzte Programm des sinnwidrig außer Dienst gestellten Intendanten Hinterhäuser geradezu idealtypisch anlässt, ist eine giftige Pointe. Erst der exzellente „Faust“ in Reminiszenz an Max Reinhardts Maßstabsetzer aus dem Jahr 1933. Dann die packende „Carmen“, die an Karajans radikales musikalisches Neudenken des gängigsten Repertoires erinnert. Und nun, vor der Uraufführung der Nobelpreiskollegin Elfriede Jelinek, Handkes abschiedsschwerer und federleichter, heiterer und zu Tode betrübter Prosatext „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ im Landestheater Salzburg.
Handke bringt da, mit vielen Zitaten aus dem eigenen Werk, seine Schaffenskomponenten zum Schweben: das Gehen und seine schwelgerische Beschreibung, die Natur und die griechische Antike, das Wissen um die eigene Größe und das wortspielerische Außerkraftsetzen eigener Gewissheiten. Und über allem die Sprache als Zentralgestirn, um das sich das epochale Werk des Nobelpreisträgers dreht.
Aufregend ist das, wenn auch mit eindreiviertel pausenlosen Stunden Bereitschaft zur Auseinandersetzung erfordernd. Das Unternehmen in die Hände des hochmusikalischen Jossi Wieler zu legen, war ein dispositioneller Coup. Dafür auch noch Jens Harzer gewonnen zu haben, den größten Sprachvirtuosen des heutigen Theaters, darf schon als Geniestreich durchgehen. Mit seiner augenhohen Lebenspartnerin Marina Galic erbringt Harzer auf Anja Rabes Bühne ein Virtuosenstück sondergleichen. Zum ergreifenden Ende ist das wandernde, räsonierende, philosophierende und kalauernde Ich schon am Verschwinden, ein verlöschendes Leuchten in den Protokollen der Chronistin.