Anouk Lamm Anouk: Ferkel, Schafe und Vogelschwarm
Zwischen Ferkeln, Freiheit und radikaler Selbstbefragung: Die Wiener Künstlerin Anouk Lamm Anouk mischt derzeit die Kunstszene auf mit Ferkeln, Schwarmintelligenz und Leinwänden, die sich offen mit lesbischer Liebe beschäftigen. Sie inszeniert eine großartige Werkschau im Linzer Francisco Carolinum.
Fast hört man sie atmen und zart grunzen: Wo andere Künstler auf gefällige Ästhetik setzen, provoziert Anouk Lamm Anouk – mit Ferkeln.
Die Wiener Künstlerin präsentiert im Francisco Carolinum eine starke Einzelausstellung mit dem Titel „Angels Never Die – And the Future Is Soft Until You Touch It“, die wahre Gefühlsbäder beschert. So bettet sie neun „frisch geborene“ Ferkel – die Silikonskulpturen schauen täuschend realistisch aus – in Bettchen für Neugeborene.
Ohren, Kreislauf und Genom
Mit der Installation will die Künstlerin auf die Nähe von Schwein und Mensch aufmerksam machen. Schweine besitzen ähnlich große Organe, ein vergleichbares Herz-Kreislauf-System, ähnliche Hautstrukturen und einen ähnlichen Stoffwechsel wie Menschen; ihr Genom stimmt bis zu 98 % mit dem menschlichen überein.
Schafherde und Schwarmintelligenz
Mit dieser Provokation bezieht Anouk aber auch deutlich Stellung gegen industrielle Tierhaltung und wühlt das gewohnte dualistische Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, Kultur und Natur im westlichen Denken auf.
In der Installation schwingt zugleich viel Poesie, denn sie kann als Aufruf zu Zärtlichkeit und Empathie verstanden werden. In diese Richtung wirkt auch eine Herde aus Schafen (Bronze), die sich zu einem Gesamten zusammenfügen oder ein Schwarm an Staren (Kristallharz). Anouk deutet Schwarmintelligenz als interessantes Sozialgefüge an, in dem Individuen aufeinander reagieren, ohne dass jemand die Führung übernimmt.
Die Räume des Möglichen
Eine Klasse für sich aber sind die großen Leinwände. Anouk Lamm Anouk malt auf nicht grundiertem Leinen, setzt wenige Farben sparsam, aber präzise ein, und folgt dennoch einer Spontaneität. Die Serie „Lesbian Jazz“ strahlt sanftes Begehren und große Erotik aus. Sie reagiert damit auf die geringe Sichtbarkeit lesbischer Lebensrealitäten in der Gesellschaft.
Die Serie „post/pre“ dagegen drückt spirituelle Leere (Öffnung) aus, die stets für Fülle bereits ist. Der Bildraum wird zum Möglichkeitsraum, das energetische Potential wird spürbar, wenn man davor steht.
Insgesamt wird rasch klar: Anouk Lamm Anouk gehört nicht umsonst zu den erfolgreichsten jungen Stimmen der österreichischen Gegenwartskunst. Die 34-jährige durchbricht gewohnte (ontologische) Grenzen mit einer reduzierten, klaren, zugleich sehr zugänglichen Bildsprache, die um Themen wie Identität, Tierethik und Kritik an gesellschaftlichen Normen kreist. Die sehenswerte Ausstellung in Linz ist bis 28. März 2027 zu sehen!