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Bachmannpreis-Juror: „Es gibt noch Urteilskraft“

· Culture

Emotionale Momente und die uralte Kraft der Hermeneutik: Nach zwölf Jahren in der Jury des Bachmannpreises zieht Klaus Kastberger heuer den Hut – passend zum 50-jährigen Jubiläum der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt: „Der Wettbewerb ist ein Fest für die Literatur.“

„Krone“: Sie sind seit 2015 Mitglied in der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Wie sehen Sie Ihrem letzten Jahr entgegen?
Klaus Kastberger: Zwölf Jahre und ein Jubiläum sind ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören. Ich freue mich darüber und gehe mit Gelassenheit und ohne Sentimentalität. 

Was hat sich in den zwölf Jahren getan?
Man würde den Wettbewerb von damals fast nicht wiedererkennen. Es gab keine KI, Social Media war neu, die Texte sind ganz anders behandelt worden. Dass Texte sich erklären müssen, dass man in der Kritik sagt: Wenn sich der Text nicht erschließt, ist er schlecht – das ist neu. Die Autofiktionalität ist viel stärker geworden. Ich-Texte hat man früher gar nicht gelesen, heute sind das 90 Prozent. In der Jury ist die Emotionalität mehr und die kalte Analyse weniger geworden. 

Wie kommt das Wettlesen heute an?
Es kommen mehr und mehr Leute. Die Pandemie war wesentlich, sie hat dem Wettbewerb mehr Kante gegeben. Die Literatur hat davon als einzige Kunstform sehr profitiert. 

Welche Momente bleiben Ihnen als Höhepunkte in Erinnerung?
Toll ist, wenn die eigenen Kandidaten gewinnen. Nava Ebrahimi war 2021 aus Graz zugeschaltet, aber der Moment, als sie erfahren hat, dass sie gewonnen hat, war emotional und präsent. Das war extrem berührend, auch, weil wir ihn  als gesendet erlebt haben. Man hat jedes Detail in ihrem Gesicht gesehen. Dem kann sich niemand entziehen.  

Was bringt die Zuschauer, denken Sie, dazu, immer wieder einzuschalten?
Der Beweis, dass es noch Urteilskraft geben kann. Diese ganzen Debatten wie um Peter Thiels Auftritt bei den Wiener Festwochen – das sind alles nur Ablenkungsmanöver. Das ist der Grund, wieso die Leute zusehen – die uralten Methoden der Hermeneutik und der Literaturwissenschaft, auf die man sich noch verlassen kann. Der Bachmannpreis ist ein Fest für die Literatur. Die Zuschauer sehen, wie Urteile zustande kommen. 

Was erwarten Sie sich von der diesjährigen, fünfzigsten Ausgabe?
Ich habe Wolfgang Popp und Slata Roschal eingeladen und hoffe natürlich, dass sie gewinnen. Es ist immer leicht zu prognostizieren, was schlecht ist, aber nicht, was sich dann durchsetzt. Ein Jubiläum erhöht natürlich die Erwartung, dass etwas Unvorhergesehenes passiert.

Sie sind seit 2024 der Vorsitzende der Jury. Was macht man da anders?
Der Vorsitzende ist der Sprecher der Jury. Ich sitze in der Mitte, was mir eigentlich nicht behagt. Vielleicht erwarten die Leute, dass ich ausgleichender bin – aber das ist nicht meine Aufgabe. Der Juryvorsitz ist de facto eine Arschkarte, weil er mit keinen Kompetenzen verbunden ist, aber man ist aus der Gruppe herausgehoben. An der Sonderstellung kann man sich leicht reiben. Ich würde das niemandem empfehlen. 

Ingeborg Bachmann wäre heuer 100 geworden. Welcher Geist von ihr lebt in dem Wettbewerb weiter?
Der Falsche. Man müsste Ingeborg Bachmann viel mehr vor einem slawischen Hintergrund zeigen. Ihre Lebensleistung war es zu beweisen, dass der Faschismus nicht mit dem Krieg geendet hat, sondern dass er in privaten Beziehungen weiterlebt, zwischen Mann und Frau. Sie hat spät in ihrem Leben oft gesagt, dass es die jüdischen und slawischen Aspekte sind, die sie an der österreichischen Literatur besonders findet. Das müsste man viel klarer sagen. Der Tross des Literaturbetriebs wusste ja gar nichts von Partisanen und Ortsschildstreit in Kärnten. Darauf müsste man mehr hinweisen, sonst ist das Gesamtbild von Bachmann unvollständig. 

Wie werden Sie 2027 die Tage der deutschsprachigen Literatur verfolgen?
Ich will nächstes Jahr überhaupt nichts davon wissen.