Gegen die sengende Sommerhitze hilft am besten Lektüre und Musikgenuss des eiskalten Black Metals. Der argentinische Autor Matías Gallardo hat in „Born For Burning – The History Of Black Metal“ (Index Verlag) auf knapp 400 Seiten alles Wissenswerte zusammengefasst – profund und mit viel Leidenschaft. Ein gelungenes Kompendium.
Kein Musikgenre abseits des Mainstreams fasziniert und verstört die Menschen so wie der Black Metal. Geboren Anfang der 1980er-Jahre in England (Venom), Dänemark (Mercyful Fate), Deutschland (frühe Sodom), der Schweiz (Hellhammer/Celtic Frost) und Schweden (Bathory), inspiriert aus so unterschiedlichen Quellen wie Punk, 70er-Jahre-Schminkrock oder auch epischen Prog-Rock-Bands verwandelte sich das Genre vor allem in seiner zweiten, ungefähr 1992 beginnenden Welle in einen von Extremismus und Elitarismus geförderten Exportschlager, der lange vor dem Internet zu Seiten von Fanzines und dem Tape-Trading (globaler, postalischer Austausch von Kassetten mit Musikmaterial) ein Marketing-Unikat wurde.
Zahlreiche Gespräche mit Beteiligten
Geschichtsnacherzählungen vom berüchtigtsten aller Metal-Subgenres gibt es zuhauf, doch dass ausgerechnet der leidenschaftliche Fan, Autor, Journalist und Podcaster Matías Gallardo aus dem im Black Metal brachliegenden Südamerika-Staat Argentinien ein so gelungenes Kompendium vorlegt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, die man dem Genre trotz all seiner wildwachsenden Auswürfe schon immer mit-attestierten musste. Die Vorworte von Thrash-Metal-Legende Dan Lilker (u.a. Nuclear Assault) und Norwegens Koryphäe (Nocturno Culto) sind nett fürs Name-Dropping, inhaltlich aber etwas blutleer. Stärker Gewicht wird auf jeden Fall auf die mehr als 100 Interviews gelegt, die Gallardo mit den Protagonisten unterschiedlichster Bands geführt hat – und das Auslassen des Genderns wird hier nicht aus Kalkül gemacht. Es wird schlichtweg keine weibliche Person in der Genre-Rückschau bedacht, auch wenn es durchaus Kandidatinnen dafür gegeben hätte (z.B. Darkened Nocturn Slaughtercult), die auch diese Perspektive hätten einbringen können.
Die auf knapp 400 Seiten und in Englisch verfasste Rückschau beginnt bei eingangs erwähnten Bands und chronologisch, dreht dann aber schnell rüber zu einem geografischen Schwerpunkt. Den Hauptteil der Nacherzählung nimmt freilich der norwegische Black Metal ein, der zwar nicht die Ursuppe, aber das ewige Zentrum des Genres ist. Detailliert wird auf die einzelnen Ereignisse eingegangen. Beginnend bei den frühen Proberaumaufenthalten gelangweilter Teenager in der nördlichen Peripherie Mitte der 80er, die geschlossen zu Mayhem werden sollten. Jene Band, die mit einem Suizid- und einem Mordopfer am meisten zur Legende des Genres beigetragen hat. Man wird zurückgebeamt in die Zeiten des Osloer Merchandise-Shops Helvete, von wo Mayhem-Gitarrist Euronymous ein globales Netzwerk aufbaute und sich aber auch Feinde schuf (Varg Vikernes von Burzum), deren Bekanntschaft schließlich letale Folgen nach sich ziehen würden.
Skandale und Progressionen
1993 wurde der Black Metal via Norwegen zum Kriminalthema mit rechtsextremem Mief, von dem er sich bis heute nie mehr ganz erholen sollte. Interessant sind dabei die Zeitzeugen-Berichte von Musikern, die, wie jeder andere Mensch auch, Dinge mehr als 30 Jahre später natürlich aus anderen Perspektiven sehen. Die Rückschau auf die wilden Zeiten mäandert zwischen Schuldbewusstsein, das Hinausreden auf pubertäre Teenagerphasen bis hin zur Geschichtsverklärung. Je nachdem, welchen Protagonisten der Argentinier gerade befragt. Für Außenstehende (die aber wohl eher nicht über dieses Buch stolpern werden) eröffnet sich dabei ein durchaus furchterregendes und verstörendes Bild diverser Personen, das man auch mit viel Toleranz nur schwer zurückrücken kann. Gleichzeitig ist es dem Autor aber auch ein Anliegen, die alten Skandalgeschichten auszuschlachten, ohne dabei auf die musikalische Vielseitigkeit und Progression in der Berichterstattung zu setzen.
Gallardo lenkt sein Aufmerksamkeitslicht auch auf jene Bereiche des Genres, die in anderen Publikationen bislang stiefmütterlich behandelt wurden. So kriegt man einen exakten Abriss über die Anfänge in den USA und kommt dabei mit Bands in Berührung, die selbst für Harteingesessene fremdartig wirken mögen. Erst viel später rückt man auch prägende Szenen aus Schweden, Finnland oder Frankreich ins Licht, doch gerade die Interviews und Detailgenauigkeit zu Mitstreitern aus weniger populären Märkten hebt das Buch dankenswerter Weise vom Wulst an Mitstreitern ab, die sich in allzu sonorer Detailgenauigkeit am Immergleichen laben und dabei nicht aus ihrem Tunnelblick herauskommen. Gallardo macht sich die Mühe, vom Tiefpunkt der Szene an weiterzuerzählen und in verständlichen Zusammenhängen zu erklären, wie aus dieser Zeit die Wurzeln ins Diabolisch-Extreme (Marduk, Watain), ins Nordisch-Historische (Enslaved), Breitenwirksam-Kommerzielle (Dimmu Borgir, Cradle Of Filth) oder ins Progressiv-Artfremde (späte Emperor, Ulver) reichten.
Zusammenhänge aufgeschlüsselt
Durch die detaillierte Recherche gibt es auch Einblicke in weniger bekannte Bereiche, auch wenn durchaus interessante Märkte stiefmütterlich behandelt oder gar ganz ausgelassen werden (etwa Österreich mit Abigor, Summoning und Co.). Kurios: Zumindest bei meinem Exemplar fehlen im Abschlusskapitel viele Doppelseiten, die einfach in weiß gehalten wurden. Zusätzlich verzichtet der Autor auf ergänzende Rubriken wie eine übersichtliche Timeline, eine Art Leitfaden durch den dichten und weltweit verzweigten Black-Metal-Dschungel und auch auf persönliche Einschätzungen oder Best-Of-Listen, was der Professionalität und Ernsthaftigkeit des Vorhabens aber auch wieder gut zu Gesicht steht. „Born For Burning“ ist dahingehend der bislang vielleicht sogar gelungenste Versuch, ein so komplexes wie extremes Genre zu erklären, das sich aus so unterschiedlichen Themenkomplexen wie Satanismus, der Natur oder einer isländischen Wirtschaftskrise inspirieren lässt. Wie das alle zusammenpasst? Let’s find out!