Vor einiger Zeit sprang Andreas Onea auf einen Trend auf. Der Para-Schwimmer, der am Wochenende bei der EM in Paris startet, wollte sich von der KI als Actionfigur darstellen lassen. Das Ergebnis war ernüchternd. Mitunter weigerte sich die Künstliche Intelligenz, weil die Darstellung eines Menschen mit einer Amputation gegen ihre Richtlinien verstoße. Das ist Vergangenheit. Jetzt gibt es sogar ein weltweites Projekt von Microsoft und Ottobock.
Die meistgenutzten KI-Lösungen im Internet wissen einfach nicht, wie ein Mensch aussieht, dem der Arm ab der Schulter amputiert wurde. Ein Mensch wie Andreas Onea. „Ich werde digital behindert“, sagt der 34-Jährige, der als Sechsjähriger seinen linken Arm bei einem Autounfall verlor.
Die Versuche, sich von der KI als Actionfigur darstellen zu lassen, scheiterten komplett. „Das bin nicht ich“, kommentiert er die generierten Darstellungen, die mal einen halben Arm haben, mal einen ganzen, mal einen unförmigen Stummel. Mitunter weigerte die KI sich auch ganz, weil die Darstellung eines Menschen mit einer Amputation gegen ihre Richtlinien verstoße. „Da dachte ich mir, das kann doch nicht sein.“ Danach half er mit, eine Revolution einzuleiten.
Ottobock und Microsoft machen es möglich
Onea moderiert eine Community von Menschen mit Amputationen in einem neuen Projekt: der Erstellung einer sogenannten Community Library für inklusivere KI, bei der die Beteiligten selbst entscheiden, wie sie von KI dargestellt werden möchten.
Die Mitglieder der Communities sichten Bilder, wählen aus und annotieren sie – das heißt, sie beschreiben den Inhalt der Bilder, sodass KI-Modelle lernen können, was genau auf ihnen zu sehen ist. In Oneas Team „obere Extremitäten“ sind Menschen, die eine Hand, einen Unterarm oder den kompletten Arm amputiert bekommen haben. Eine weitere Gruppe kümmert sich um die unteren Extremitäten vom Fuß über Unterschenkel bis Oberschenkel. Die von ihnen annotierten Bilder sind das Trainingsmaterial für KI-Modelle, damit sie inklusiver werden. Ermöglicht wird das Projekt vom weltweit führenden Prothesenhersteller Ottobock aus Duderstadt (Deutschland) und von Microsoft.
Großer Fan der Künstlichen Intelligenz
Die annotierten Bilder sind seit 22. Juli 2026 Open Source auf der Plattform Hugging Face veröffentlicht, wo KI-Entwicklerinnen und -Entwickler Trainingsdaten, Tools und mehr austauschen. Alle KI-Anbieter können die Community Library kostenfrei als Trainingsdatensatz für ihre Modelle nutzen und sie damit inklusiver machen. Onea: „Das heißt, dass wir wirklich überall adäquat und richtig – und zwar inklusiv – in den Modellen vorkommen können.“
Onea ist großer Fan der Künstlichen Intelligenz. Er profitiert auch bei seiner neuen „Michelangelo“-Prothese von Ottobock sehr davon. Er bezeichnet das neue Hightech-Hilfsmittel als „Gamechanger“, schwärmt von der Karbonkonstruktion („sehr stabil, superleicht“) und der intuitiven Steuerung mit sechs Elektroden statt nur zwei wie an der vorherigen Prothese. So lässt sie sich viel präziser kontrollieren. Denn die Elektroden – münzgroße, silberglänzende Metallelemente an der schwarzen Innenseite der Prothese – sind nichts anderes als die Schnittstelle zwischen dem menschlichen Körper und der Prothese.
Viele positive Folgen
Sie nehmen Muskelimpulse am Körper auf und geben die Befehle an die Prothese weiter. Je mehr Elektroden die Prothese hat, desto mehr unterschiedliche Befehle stehen zur Verfügung. Diese sogenannte myoelektrische Steuerung muss zuerst trainiert werden. Dafür nimmt eine Trainingsmanschette die Muskelimpulse auf und KI lernt aus den Mustern, welche Bewegungen der Prothesenträger oder die Trägerin ausführen will.
Positive Folgen: Auf einmal kann Andreas Onea beim Lesen die Seiten selbst umblättern. Plötzlich kann er alleine kochen oder Einkäufe nach Hause tragen und gleichzeitig die Haustür aufsperren. Er kann die Hand öffnen, schließen, drehen. Das Festhalten der Dinge erfolgt mit der genau richtigen Dosis. Nichts wird zerdrückt oder geht kaputt.