Kultur

Ein musikalischer Abschied von einer heilen Welt

Ein musikalischer Abschied von einer heilen Welt

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja setzt sich im szenischen Konzert „Les adieux“ bei den Salzburger Festspielen am Sonntag mit verschiedenen Formen des Abschieds auseinander – von der Liebe, von Verstand und Natur. Ein Gespräch über Idylle und Zerstörung, Emotion und Verstand.

Beethovens „Pastorale“ als eine idyllische Feierstunde der Vollkommenheit der Natur? Für Patricia Kopatchinskaja geht sich das nicht mehr aus. Die Welt, die diese Musik einst beschwor, existiere nicht länger, sagt die Geigerin. Angesichts von Klimakrise, Artensterben und den Folgen jahrhundertelanger Ausbeutung sei die Vorstellung einer heilen Natur heute kaum aufrechtzuerhalten.

Ihr szenisches Konzert „Les adieux“, das heute im Haus für Mozart zu sehen und zu hören ist, setzt an diesem Bruch an. Gemeinsam mit der Camerata Salzburg spannt Kopatchinskaja einen Bogen von Beethoven über Schumann und Schostakowitsch bis zu Luigi Nono – und erzählt von Vergänglichkeit und Verlust.

Ohne Umwege ins Herz
Dass wir die „Pastorale“ nicht mehr so hören können wie zu Beethovens Zeit, ist für Kopatchinskaja eindeutig: „Wir gaukeln uns etwas vor, wenn wir es wie heile Welt darstellen.“ Die Natur sei nicht mehr jener harmonische Ort, den Beethoven in seiner Sinfonie entwarf. Stattdessen prägten Zerstörung und das Verschwinden ganzer Tier- und Pflanzenarten die Gegenwart.

„Les adieux“ versteht sie als mehrfachen Abschied: von einer Lebensweise, die die Ausbeutung der Erde selbstverständlich machte, und von einer Natur, die unwiederbringlich verloren geht. Die musikalische Reise führt dabei durch unterschiedliche Formen des Verlusts. Im langsamen Satz von Schumanns Violinkonzert gehe es um den Abschied von Liebe und Verstand, bei Nono und Schostakowitsch um Trauer über das, „was wir auf dieser Welt angerichtet haben“.

Die Aufführung setzt bewusst auf Bilder und Emotionen statt auf Fakten und Argumente. Das Wissen um die Unumkehrbarkeit vieler Entwicklungen habe ihren Blick auf das Repertoire verändert, sagt Kopatchinskaja. Musik müsse Menschen dort erreichen, wo sie noch keine Schutzmechanismen aufgebaut haben. Die Werke seien dabei aber nicht als moralische Botschaft gedacht, sondern als emotionaler Erfahrungsraum.

Trauermarsch für die Natur
Besonders eindringlich wird das in „Les adieux“ in den Momenten, in denen das Aussterben von Tierarten visualisiert wird. Der „Marcia funebre“ etwa fungiert für Kopatchinskaja auch als Akt des Gedenkens: „Wer hat je um die Tierarten offiziell getrauert?“, fragt sie und verweist auf Vogelarten und Pflanzen, die unwiederbringlich fort sind.

Eine zentrale Rolle spielt auch die Karnyx, ein rekonstruiertes historisches Blasinstrument. Mit ihrem archaischen Klang wirke sie „wie der letzte Dinosaurier“ und erinnere an untergegangene Kulturen. Wenn sie am Ende der Aufführung erklinge, löse das bei ihr „eine Angst aus, die tief in die Knochen geht“.

Wie ein Tropfen im Meer 
Musik könne die Welt nicht verändern, so die 49-Jährige. Ihre Kraft liege vielmehr darin, Menschen unmittelbar zu berühren, ohne zu urteilen. „Les adieux“ versteht sie als Kommentar zu einer Gegenwart, die ökologische Krisen lange verdrängt habe: „Musik kann wahrscheinlich wenig zum tatsächlichen Umdenken beitragen. Sie verzichtet auf Erklärungen und trifft den Menschen ohne Umwege ins Herz, ohne zu urteilen. Sie ist ein Tropfen im Meer der Bemühungen.“

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