Finale am Nova Rock: Nochmal Krach von der Basis
Schluss, aus und vorbei: Vier Tage Nova Rock gingen für insgesamt 215.000 Fans mit etwas Wind und angenehmen Frühlingstemperaturen zu Ende. Bring Me The Horizon und Papa Roach begeisterten zum Finale. 2027 geht es mit den Ärzten und Motionless In White weiter. Jetzt heißt es aber erst einmal entstauben und wieder ins normale Leben zurückfinden.
Vier Tage Vollbedienung fordern bei so einigen auch ihren Tribut. Die erste große Festivalabreisewelle gab es schon Samstagabend nach den Headliner-Auftritten von Iron Maiden und Sabaton. Tagsüber ging das Heimfahren am Sonntag munter weiter. Der letzte Tag am Festival ist immer einer, der nur noch auf Halbgas gefahren wird. So sieht man nur noch das Gerippe der heute nicht mehr bespielten Red Stage, während man das Gelände betritt. Während sich auf der einen Seite des Nova Rocks noch internationale Bands die Seele aus dem Leib spielen, bringt man auf der anderen den Acker bereits langsam in den ursprünglichen Naturzustand zurück. So funktioniert das Geschäft eben. Dementsprechend geht die Rasen- bzw. Ackerfläche vor der Blue Stage vor Menschen über, weil jene eben einer wichtigen Ausweichmöglichkeit beraubt wurden. Für den Auftakt sorgt heute das Freundesduo Voilá mit einer undefinierbaren Mischung unterschiedlichster Stile. Harter Metal, flüssiger Pop, viel Alternative-Sound – alles hat darin Platz. Und bei der für Dezember anberaumten Single-Show im Wiener Flex verspricht man eine Art Zirkus mit Zauberei – man darf gespannt sein.
Auf Betriebstemperatur kommen die Fans dann erstmals bei den kalifornischen Nu-Metallern von P.O.D., die zu den wichtigsten Zeitzeugen der Millenniumswelle gehören und seit geraumer Zeit wieder gerne bei uns aufspielen. Ihr prägendes Album „Satellite“ hat nichts von seiner Magie verloren und weiß die immer zahlreicher vor der Bühne auftauchenden Fans zu begeistern. Über allen stehen die Tophits „Alive“ und „Youth Of The Nation“, dazu ist Frontmann Sonny Sandoval in absoluter Hochform. Er sucht den Kontakt mit den Fans, ist bestens gelaunt und schüttelt seine Dreadlocks unaufhörlich. Da können die Nova Rock-Urgesteine Hollywood Undead nicht ganz mithalten. Das prollige Kalifornien-Kollektiv, dem einst auf den Pannonia Fields der Strom ausging und akustisch spielte, lebt von dicker Hose und harten Riffs, musste aber auch härtere Jahre überstehen. „Wir haben das Management und unsere Bookingagentur gefeuert“, lacht Johnny 3 Tears im „Krone“-Gespräch vor dem Auftritt, „dann haben wir die Agentur wieder zurückgeholt. Lass es mich so sagen – wir mussten ein paar Steine verschieben, doch jetzt passt es wieder.“
Bei so viel neuer Motivation vergisst man gerne, das man früher gesagt hat. Anfang des Jahres sei wieder mit einem neuen Album zu rechnen, mit komplett neuen Songs, die bislang nicht als Singles ausgekoppelt wurden. Dass man aufgrund der veränderten Marktverhältnisse lieber auf einzelne Lieder setzen wollte, scheint heute nicht mehr der Fall zu sein. Dafür erinnert sich Charlie Scene gerne an die frühen Tage zurück. „Wir gingen damals bei MySpace viral und waren die weltweit erste Band, die aufgrund des Viralgehens auf einer Social-Media-Plattform von einem Majorlabel gesignt wurden. Heute ist das Usus und man kommt ohne Erfolge im Internet überhaupt nicht mehr weiter.“ Hollywood Undead sind mit ihren Fans gealtert und ziehen durch ihre juvenile, noch immer herzhafte Annäherung an Musik viele junge Menschen an, die von den alten Hadern gar nicht viel mitgekriegt haben. Bei Johnny 3 Tears und Charlie Scene rennt der Schmäh zu jeder Zeit – so auch hier und heute auf der Bühne beim Nova Rock.
Ein besonders Schmankerl ist auf der immer noch geöffneten Red Bull Stage die Slay Squad. Das sechsköpfige Kollektiv aus dem kalifornischen Bereich überzeugt mit einer politisch aufgeladenen und wuchtigen Mischung aus treibendem Hardcore und offensivem Rap. Dazu wirft man sich schon früh eine Österreich-Flagge um und bringt einen eher schlecht besuchten, aber energetischen Gig aufs Gelände. Man darf hoffen, dass sich die Truppe wieder mal bei einer Clubshow sehen lässt. Auf der Blue Stage dominieren indes ganz die Stromgitarren. Bei den Kanadiern von Three Days Grace war man vor allem gespannt auf den nach elf Jahren Abwesenheit wieder zurückgekehrten Frontmann Adam Grontier. Drogen- und Alkoholprobleme scheinen ausgeräumt zu sein, das Comebackalbum „Alienation“ wurde von den Fans mit Freude aufgenommen. „Es gab Probleme, aber die sind durch. Ich freue mich, dass unsere Fans so loyal sind und sich über meine Rückkehr freuen“, erzählt er der „Krone“, „es war damals für alle Parteien richtig, getrennte Wege zu gehen und genauso passt es jetzt wieder so, wie es ist.“ Die bereits zahlreich vor der Bühne stehenden Fans singen bei Liedern wie „Animal I Have Become“, „So Called Life“ oder „Never Too Late“ freudig und inbrünstig mit. Wesentlich harscher wird des kurz darauf bei den britischen Metalcore-Topsellern Architects. Die Mischung aus kellertief gestimmten Gitarren, wütenden Breakdowns und lieblichem Klargesang beinhaltet aber keinerlei Innovation und langweilt schon nach kurzer Zeit mit beständiger Redundanz.
Ein ganz anderes Kaliber sind da schon die etablierten Papa Roach, die sich still und heimlich zu einer der wichtigsten und erfolgreichsten Bands der härteren Gangart in europäischen Gefilden gemausert haben. Dass Frontmann Jacoby Shaddix in einem Monat seinen 50er feiert, kann man sich bei diesem Energiebündel kaum vorstellen. Bei Songs wie „Even If It Kills Me“, „Blood Brothers“ oder „Getting Away With Murder“ tanzt und springt er wie in jungen Jahren über die Bühne, die Menge ist begeistert. So voll war es das ganze Wochenende sonst nur bei The Offspring, was ein untrügliches Zeichen für die überbordende Massentauglichkeit der Kalifornier ist. Wie so oft sind die Söhne mit am Start und legen mittlerweile schon astreine Rapparts vor. Shaddix selbst zeigt sich offen und ehrlich über seine besiegten Dämonen Alkoholismus, Drogenmissbrauch und Pornosucht. Auf ein neues Album muss man zwar mittlerweile fast vier Jahre warten, das tut der Popularität der Band aber keinen Abbruch. Die Show zeigt, warum – eine feurigere Liveband kriegt man kaum zu sehen.
Währenddessen mühen sich die Briten von Malevolence redlich auf der Red Bull Stage ab und sorgen für einen Moshpit nach dem anderen. Hardcore, Thrash Metal, Beatdown-Parts und viel Metalcore – hier ist alles vorhanden. „Wir machen den Sound, seit wir Teenager sind“, geben uns Frontmann Alex Taylor und Bassist Wilkie Robinson vor dem Gig Auskunft, „natürlich hat sich die Ausrichtung leicht verändert, aber wir sind dieselben wie immer.“ Härter ballert es heute nicht aus den Boxen, so viel ist gewiss. Die darauf folgenden Amerikaner von All Them Witches stehen eher für feinsinnigere Klänge, die auch gerne ins Psychedelische abdriften können. Mit ihrem aktuellen Album „House Of Mirrors“, dem ersten nach sechs langen Jahren, hat man ein neues Zeitalter eingeläutet, das vor allem live hervorragend funktioniert. Irgendwo zwischen Stoner-, Blues- und Wüstenrock angesiedelt, ziehen die überlangen Songs in einen Mahlstrom, der paralysiert. Beim „Krone“-Talk zeigte sich das Quartett im Vorfeld vor allem bezüglich der Freiheit der Songs erfreut. „Wir haben schon Bands auf Tour begleitet, die haben jede Choreografie, jede Publikumsansage eins zu eins wiederholt – das wäre für uns unvorstellbar.“ Bonuspunkt: Der Sound ist zum Abschluss auf der Red Bull Stage hervorragend austariert.
Beschlossen wird das diesjährige Nova Rock – wie schon die Ausgabe 2022 – vom britischen Metalcore-Express Bring Me The Horizon. Durch die beständigen Schlenker in Richtung Pop und das einnehmend-offene Auftreten des exzentrischen Frontmannes Oli Sykes hat sich die Combo aus Sheffield zu einer der größten Metalbands der Welt geformt. Die Shows sind längst zu einem audiovisuellen Bombast gediehen und die Nova-Rock-Variante ist, bei aller Liebe für Iron Maiden, die spannendste und feurigste Show aller diesjährigen Headliner. Dazu ist nicht nur die Setlist mit Songs wie „Doomed“, „Happy Song“, „Throne“ oder „Kingslayer“ über alle Zweifel erhaben, Sykes wirbelt auch wie ein Flummi über den Steg und von Bühnenecke zu Bühnenecke, ohne auch nur einen Hauch von Müdigkeit zu vermittelt. Das Gelände ist bis weit nach hinten gefüllt, Epilepsie-Gefährdete mussten sich bei der wilden Lichtshow ohnehin wegdrehen. Neben empowernden Botschaften und einer wilden Stilmischung punktet Sykes vor allem mit einer Wagenladung an Charisma. Ein würdiger und fulminanter Abschluss für eine weitere gelungene Nova-Rock-Version.
Der Festival-Blues lässt sich danach wohl nicht verhindern, aber man kann bereits frohgemut in die Zukunft schauen. Von 10. bis 12. Juni 2027 geht das nächste Nova Rock auf den Pannonia Fields in Nickelsdorf über die Bühne. Man darf sich auf jeden Fall auf die Ärzte, Motionless In White und TBS (The Butcher Sisters) freuen. Unter www.novarock.at gibt es bereits Karten und alle weiteren Infos.