Eine Collage aus vier Stücken von Anton Tschechow bringt das Stieglerhaus in St. Stefan ob Stainz dezeit auf die Bühne. Doch die Probleme der Gegenwart leuchten in der Regie von Thomas Sobotka herrlich-humorvoll durch die mehr als 100 Jahre alten Texte durch.
Die Schwüle der russischen Sommernacht zieht wie ein Saunaaufguss durch den Garten des Stieglerhauses in St. Stefan ob Stainz. Kein Wunder, dass die Figuren der Tschechow’schen Bühnenwelt, die Regisseur Thomas Sobotka aus vier verschiedenen Stücken in „Tschechows Garten“ heraufbeschwört, allesamt in Wellness-Chic (Ausstattung: Markus Boxler) gekleidet sind. Sie haben sich wohlig eingerichtet in diesem Landgut – dabei sind die wohligen Zeiten eigentlich lang vorbei.
Der Pleitegeier kreist wie eine Möwe über dem Kirschgarten, in den der kränkelnd-senile Professor (Christian Ruck) mit seiner jugendlich schönen Frau (Sisi Noe) aus der Stadt zurückkehrt. Seine Schwägerin (Mona Kospach) und Tochter (Magdalena Hanetseder) haben den Betrieb irgendwie am Leben gehalten – und dabei ihre eigenen Sehnsüchte völlig verdrängt. Nur der Lover der Tochter (Tim Habe) scheint seinen Gefühlen in jugendlichem Überschwang in ausufernden Popsongs Ausdruck zu verleihen. Dass er dafür just jenen Musiker (Grilli Pollheimer) engagiert, der ihm die Liebe seiner Freundin entreißen wird, kann er nicht ahnen. Und der Landarzt (Vitus Wieser) hat sowieso seine eigenen Pläne, wie er das Landgut profitabel machen will.
Die Sehnsucht nach Veränderung, nach einem anderen Leben strömt den Figuren in diesem Stück wie Schweiß aus den Poren und verdampft vor den Augen der Zuseher. Denn eigentlich sind sie alle gefangen im Frottee-Korsett ihrer Verpflichtungen, in der fälschlich als Wohligkeit empfundenen Sicherheit ihres Alltags.
Und der Kniff dieser Tschechow-Collage von Sobotka und seinem Team ist, dass sie mit herrlichem Humor auch gegenwärtige Klischees vom Stadt-Land-Gefälle in diese über 100 Jahre alte Theaterstoffe einarbeiten. Das Ensemble geht dabei famos in den Tschechow’schen Figuren auf, zugleich blitzen die Darsteller aber auch immer wieder mit ihren gegenwärtigen Biografien durch und werfen Fragen auf wie: Wie begegnen wir den Krisen der Gegenwart? Wie lebe ich ein authentisches Leben? Und kann die Kunst uns (und sich selbst) eigentlich noch retten?
So entsteht ein gut 100-minütiges Theatererlebnis, das wundervoll leicht und humorvoll über seiner literarischen Vorlage schwebt, zugleich aber nie die Schwere der darin enthaltenen Themen aus den Augen verliert. Viel besser kann man Sommertheater nicht machen! Zu sehen noch bis 29. August.