Kultur

John Neumeiers getanzte Seelenlandschaften

John Neumeiers getanzte Seelenlandschaften

John Neumeier im Interview: Der Star-Choreograf ist in Wien und zeigt an der Staatsoper ab Dienstag das tänzerische Porträt von Vaslav Nijinsky, dem legendären frühen Tanz-Star der Ballets Russes.

An der Staatsoper treffen ab heute zwei Ikonen des Tanzes aufeinander: John Neumeier und Vaslav Nijinsky. Die Glanzzeiten des langjährigen Chefs des Hamburg Ballett und des ersten Pop-Stars der Moderne trennen etliche Jahrzehnte – und doch gibt es eine tiefe Verbindung zwischen ihnen.

Der heute 87-jährige Neumeier ist schon in seiner Jugend durch ein Buch auf Nijinsky aufmerksam geworden. Was ihn gleich gepackt hat, war die Persönlichkeit hinter dem schillernden Tänzerstar, der um 1910 in einer steilen kurzen Karriere verglühte: „Was mich sofort fasziniert hat? Dass er ein Mensch war. Mit einer angeborenen psychischen Krankheit, die durch Schicksalsschläge ausgebrochen ist. Von der Untreue seiner Frau bis zum 1. Weltkrieg: Nijinsky ist als supersensibler Künstler zerbrochen an dem Nichtglauben, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun können.“

John Neumeiers „Nijinsky“-Ballett aus dem Jahr 2000, das ab heute an der Staatsoper zu sehen ist, versteht der Choreograf selbst nicht als Künstlerbiografie. Es ging ihm – wie in allen seinen Arbeiten – darum, eine menschliche Innenwelt erfahrbar zu machen. Dass dabei nicht immer klar ist, ob nun der Tänzer selbst oder die Welt um ihn in den Wahnsinn gleitet, macht das Stück aktuell: „Wir sind auch irgendwie in einer bedrohlichen Situation, führen ein Leben nahe am Krieg.“

Farben einer Seelenlandschaft
Für Wien hat er seine Choreografie rekreiert, wie er es nennt, sich lange mit der Compagnie beschäftigt, nach stimmigen Charakteren gesucht: „Wie wenn man ein Bild malt und schaut, welche Farben würde ich in dieser abstrakten Landschaft zusammentun.“

Neumeier sieht auch eine künstlerische Verwandtschaft mit Nijinsky, der ein Pionier darin war, das Ballett vom Erzählerischen zum Ausdruck puren Emotion zu entwickeln. „Der Mensch zieht sich wie ein Roter Faden durch all meine Arbeiten. Er steht immer im Mittelpunkt, in einem Zustand, in einer Aktion auf der Bühne. Dadurch sind alle meine Werke auch Nijinsky.“

Neumeiers Choreografien – sakrale, weltliche oder abstrakte – werden oft als sinnliche Meditationen über Musik beschrieben, als emotionale menschliche Erfahrungen, die in Körpern, in Bewegung sichtbar werden.

Extreme psychische Zustände
Was er Zusehern damit mitgeben will? „Dass sie sich ein bisschen wiedererkennen, in dem, was sie auf der Bühne sehen. Nicht weil sie erkennen, dass sie etwa ein Mörder sind. Aber dass sie die Aggression, die dazu geführt hat, erfahren und sagen: Ja, das ist möglich.“

Was unterscheidet Tanz dabei von anderen Künsten? „Wenn man es mit einem Text vergleicht, dann erklärt Tanz nicht den Inhalt, sondern, warum er geschrieben wurde.“

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