Kinderbetreuung ist keine Arbeit? Da würden Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) wohl Millionen Frauen, die immer noch den weit überwiegenden Teil davon tragen, widersprechen. Und auch der Kanzler selbst gibt sich nun geläutert. Dieser Satz sei falsch, rudert er zurück.
Bei seiner Sommertour „Österreich im Gespräch“ hatte Stocker am Donnerstagabend auf die Frage einer Teilnehmerin geantwortet: „Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit, weil Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen.“ Ein Sager, der für Wirbel sorgte.
„Ich entschuldige mich in aller Deutlichkeit“
Der Bundeskanzler gab am Freitag schließlich zu: „Ein Satz von mir sorgt gerade für Diskussionen. Zu Recht, denn er ist falsch. Bei all jenen, die sich durch meine Aussage verletzt, beleidigt oder nicht wertgeschätzt fühlen, entschuldige ich mich in aller Deutlichkeit.“
Natürlich sei Kinderbetreuung Arbeit, so der ÖVP-Chef: „Gerade Frauen, die in den allermeisten Familien immer noch den Großteil der Kindererziehung übernehmen, leisten damit Großartiges.“
Auch sei der Lohn deshalb nicht in Geld zu messen, weil „Familie kein Unternehmen ist, wo man nach getaner Arbeit das Büro verlässt“: „Der Lohn ist nicht in Geld zu messen, sondern in Vertrauen, Zusammenhalt und in unzähligen gemeinsamen Momenten.“
„Ich weiß, wie herausfordernd das ist“
Er wisse aus eigener Erfahrung, wie sehr einen diese Aufgabe dennoch fordere, so Stocker: „Meine Frau und ich haben unsere zwei Kinder gemeinsam großgezogen und wir waren in dieser Zeit beide berufstätig. Ich weiß, wie sehr einen diese Aufgabe fordert. Ich weiß, was es heißt, ein Kind die ganze Nacht herumzutragen, wenn es krank ist. Ich weiß, wie es ist, wenn beide gleichzeitig krank sind. Aber ich weiß auch, wie schön es ist, wenn sie gehen lernen, wie stolz sie sind auf ihre Leistungen, aber auch, wie herausfordernd es ist, wenn sie ihre Grenzen austesten. Ich weiß, wie sehr sich diese Arbeit lohnt. Familie ist nun mal kein Business Case. Nicht mehr und nicht weniger habe ich gesagt und gemeint.“
Zu Wort gemeldet hatte sich zuvor auch Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner. „Als Mutter von zwei Töchtern weiß ich: Kinder großzuziehen ist das Schönste, was es gibt. Und ich weiß auch, wie viel Liebe, Kraft, Zeit, Verantwortung und Arbeit dahinterstecken - Tag für Tag.“
Mikl-Leitner: „Ohne Fürsorgearbeit hat Land keine Zukunft“
Deshalb habe sie den allergrößten Respekt vor allen Müttern und Vätern in unserem Land, die Tag für Tag für ihre Kinder da sind. Was sie für unsere Gesellschaft leisten, verdient unsere höchste Anerkennung und Wertschätzung. „Ohne die Fürsorgearbeit unserer Mütter und Väter hat unser Land keine Zukunft. Politik muss deshalb alles daransetzen, Familien zu stärken, die Leistung von Familien anzuerkennen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter zu verbessern. Dafür setzen wir uns in Niederösterreich Tag für Tag ein. Ich kenne unseren Kanzler so, dass er meint, dass unsere Kinder für uns Eltern bei aller Arbeit, aber vor allem noch viel mehr Freude bedeuten. Und so würde ich ihn auch verstehen“, ergänzt die Landeshauptfrau.
Kritik selbst vom Koalitionspartner
Heftige Kritik an den Aussagen hatte es von mehreren Seiten gegeben, selbst vom Koalitionspartner, der SPÖ. Vizekanzler Andreas Babler schrieb auf X: „Kinderbetreuung ist Arbeit. Millionen Eltern – vor allem Frauen – leisten diese Arbeit jeden Tag. Das dürfen wir weder kleinreden noch unsichtbar machen.“ SPÖ-Frauensprecherin Sabine Schatz meinte im Hinblick auf Stockers Aussage: „Wer so spricht, blendet die Lebensrealität vieler Frauen aus. Kinderbetreuung ist keine Nebensache, sondern harte Arbeit. Und zwar unbezahlt mit Folgen für Einkommen, Karriere und Pension.“
Das zeigt laut Schatz auch der am Sonntag kommende Equal Pension Day, der darauf aufmerksam macht, dass Frauen im Durchschnitt um 39,4 Prozent weniger Pension erhalten als Männer. Schatz fordert eine rasche Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie, einen Ausbau der Kinderbetreuung und mehr Verantwortung bei den Vätern.
Auch die Opposition scheut sich nicht mit Kritik. Laut Kickl würde der Bundeskanzler mit seinen Aussagen Mütter verhöhnen. Seitens der Grünen kam Kritik von Bundessprecherin Leonore Gewessler, die ebenfalls entrüstet auf Stockers Aussage reagiert.
ÖGB-Bundesfrauenvorsitzende sieht Realitätsferne
Laut der Bundesfrauenvorsitzenden des ÖGB Christa Hörmann offenbart Stocker ein Familienbild, „das Frauen seit Jahrzehnten benachteiligt“. Kindererziehung sei Arbeit, alles andere wäre Realitätsverweigerung, so Hörmann. Auch sie betonte, dass diese Aussage wenige Tage vor dem Equal Pension Day die Leistung von Müttern derart kleinrede, dass es an Realitätsferne kaum zu überbieten sei, so Hörmann.