Neun Jahre nach ihrem letzten Wien-Gastspiel konzertierten die Kings Of Leon am Dienstagabend beim „Krone“-Konzert vor 11.000 Fans in der Wiener Stadthalle. Caleb Followill und Co. waren bemüht, aber auch allzu routiniert am Werk. Die österreichische Vorband Cari Cari empfahl sich hingegen einmal mehr für Größeres.
Mit der Pünktlichkeit haben es die Rockstars nicht immer so, das kennt man aus der Musikhistorie zur Genüge. Axl Rose ließ seine Anhänger in den schlimmsten Phasen von Guns N‘ Roses stundenlang darben, bis er für eine würdelose Show unter jedweder Qualitätsgrenze die Bühne betrat und sich durch das Set krähte. Erst sein Kurz-Engagement bei den australischen Kult-Rockern AC/DC sorgte für eine dauerhafte Umkehr. Bei Diven wie Mariah Carey oder Madonna könnte man mit Verspätungen Bücher füllen. Heute ist das Musikbusiness dafür bereits in jeder Hinsicht so perfektioniert, dass selbst die gröbsten Problemboys wissen, dass jede Minute Verspätung zu einem Millionenschaden führen kann. Den Kings Of Leon ist das egal. Die Gebrüder Followill samt Cousin Followill zählen sich zu den letzten großen Rockstars und dementsprechend lässt man sich dort ungern von äußeren Einflüssen stressen.
Hauptsache auf der Bühne
Wie schon beim Lido Sounds vor zwei Jahren in Linz ist die Berechnung mit dem Privatjet wieder äußerst knapp ausgefallen. Damals musste man aufgrund der strengen Lärmbelästigungsgrenzauflagen am Abend einige geplante Nummern vom Set streichen, dieses Mal kommt man zwar rechtzeitig zur Veranstaltung, muss aber das geplante „Krone“-Interview im Vorfeld absagen. „Wow, es ist gerade einmal Dienstagnacht“, zeigt sich Frontmann Caleb Followill nach den ersten Nummern in der Stadthalle überrascht von der pulsierenden Stimmung unter den rund 11.000 Fans, gibt aber auch Einblicke in die schwierige und wieder mal zu spät angesetzte Anreise. In Wien waren die Kings Of Leon das letzte Mal 2017 zu Gast. Überhaupt hat sich das Kollektiv aus Tennessee in Österreich gerne rar gemacht, obwohl die Verkaufszahlen immer mehr als respektabel waren und die Charts vom unsäglichen Ohrwurm „Sex On Fire“ belagert waren.
Der größte Hit der Band ist gleichzeitig schon zur eigenen Nemesis erklärt worden. Ein paar Jahre lang war der Familienexpress von „Sex On Fire“ derart übersättigt, dass darob die ganze Bandexistenz hinterfragt wurde. Hierzulande haben die Formatradios dafür gesorgt, dass man irgendwann keinen Nerv mehr dafür hatte. Dabei haben die Amerikaner so viel gutes Material, was sie auch an diesem Abend beweisen sollten. Mit „Slow Night, So Long“ und einem lautstark abgefeierten „Waste A Moment“ geht es mit minimaler Verspätung in den etwa 100-minütigen Konzertabend. Mit „On Call“ folgt früh im Set ein Highlight, bei dem die Stimmung erstmals über den österreichischen Höflichkeitslevel hinausragt. Bei verspielteren oder vertrackteren Nummern wie dem getragenen „Revelry“, dem progressiven Geheimfavoriten „Manhattan“ oder „Split Screen“ gibt die Band alles, lässt sich das Publikum aber ob des fehlenden Hit-Appeals etwas zurückhaltender an.
Wäre da mehr gegangen?
Mit Fortdauer des Auftritts bekommt die Wechselwirkung auf und vor der Bühne mehr Drive. Einerseits liegt das an Songs der Marke „Use Somebody“ (Superhit-Potenzial), „Razz“ (in einer langen Jam-Version) und „Black Thumbnail“ (tritt der Band am Ende nochmal in den Hintern), dass sich mehr bewegt. Andererseits grooven sich die beiden Parteien gemeinschaftlich ein. Die Followills konzertieren durchaus inbrünstig, aber die Publikumsinteraktion bleibt verhalten, auch auf der Bühne bliebt man lieber statisch. Drei von vier Familienmitgliedern tragen mit Stolz einen wuchtigen Schnauzer im Gesicht, Frontmann Caleb ist trotz schroffen Charmes mit seiner eindringlichen Stimme der Blickmagnet des Kollektivs. Die Kings Of Leon lassen wenig aus, zitieren aus allen unterschiedlichen Karrierephasen und feuern neben „Sex On Fire“ als Zugaben auch noch „To Space“ und „Knocked Up“ in die Halle – trotz allem wird man das Gefühl nicht los, da wäre mehr gegangen. Da wurde eine Chance auf einen richtig großen Abend verspielt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man sich manchmal ein paar mehr musikalische Arschtritte zur salbungsvollen Balladenanordnung wünschen würde.
Wie viel Mehr ein Weniger manchmal sein kann, beweisen im Vorfeld die Lokalmatadore von Cari Cari. Die hätten eigentlich nur heute in Wien die abgesagten Fratellis ersetzen sollen, wurden vom Headliner dann aber höchstpersönlich als Support für die ganze Europatour engagiert (wir berichteten inklusive Interview). Nun stehen Stephanie Widmer und Alexander Köck samt Live-Schlagzeuger auf der größten Hallenbühne des Landes und reißen mit ihrem cineastisch angehauchten Wüstenrock ein cooles Set herunter, das in seiner nonchalanten Souveränität seinesgleichen sucht. Mit dem trockenen „One More Trip Around The Sun“ geht es lässig los, ein psychedelisch-grooves „Belo Horizonte“ folgt, bevor Köck den Song „Dear, Mr. Tarantino“ mit besonders spitzem Humor ansagt: „Wir haben uns ursprünglich gegründet, nur um einmal in einem Tarantino-Film vorzukommen. Und wie es sich für echte Wiener gehört, haben wir es auf die schmierige und hinterfotzige Art probiert“. Was für eine erfrischende, entwaffnende Ehrlichkeit - trotzdem voller Schmäh und Ironie.
Heimlicher Headliner
Ganz in weiß gekleidet rocken die beiden genüsslich durch das Set und sind über die vorher lange ungeahnte Möglichkeit der Musikvermittlung sichtlich begeistert. So eine Chance passiert einer einheimischen Band wahrlich äußerst selten. Beim burgenländischen Duo hat sogar eine kleine Black Sabbath-Einlage Platz, während Widmer mit dem Didgeridoo basstiefe Ecken in den Seelen der Hörern erkratzt. Dass Cari Cari mit dieser höchst internationalen Soundmelange noch immer nicht selbst große Konzerte anführen, gehört zu den vielen Missverständnissen der Musikindustrie, die mit logischen Argumenten nicht näher erklärbar sind. Das Duo lamentiert aber nicht herum, sondern zieht seinen Sound und seine Ideen unaufhörlich weiter – als Belohnung winken dann eben Erlebnisse wie diese ganz besondere Konzertwoche, die in Wien ihren Abschluss findet. Und für so manchen nicht ganz so steifen Kings Of Leon-Fan waren Cari Cari an diesem Abend gar der heimliche Headliner. Denn um einen erfolgreichen Konzertabend zu tragen, braucht es Abwechslung, Charme und viel Biss. All das war hier vorhanden.