Auf den Spuren der großen Maria Callas: Die Griechische Nationaloper belebte nach 65 Jahren einen historischen Opernmoment eindrucksvoll neu.
Mögen die Zuschauermassen derzeit in Fußballstadien und auf Public-Viewing-Gelände strömen – in Griechenland geht es auch anders. Am Samstag drängte nämlich das Opernpublikum zu Tausenden ins antike Theater von Epidaurus. Genauer gesagt 13.000, um sich mit Luigi Cherubinis „Medea“ ein wahrlich einzigartiges Opernschauspiel zu gönnen.
Am Fuße des Theaters liegt die bedeutendste antike Kultstätte für den Heilgott Asklepios (Äskulap). Geschickt hatte man Epidaurus nämlich zum Geburtsort des Zeus-Sohnes erklärt, worauf ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. die Kranken und Siechen nach Epidaurus pilgerten, um gepflegt und geheilt zu werden. Dank der mitgebrachten Tieropfer konnte man dazu auf reichliche Verköstigung hoffen. Zum Gesamtpaket gehörte es auch, dem Geist Gutes zu tun.
Daher wurde im 4. Jahrhundert das große Theater mit wundersamer Akustik gebaut. Ab 1938 wiederbelebt, bespielt es seit 1955 das heutige „Athens & Epidaurus Festival“. In dessen Rahmen beging die Griechische Nationaloper (GNO) nun ein besonderes Jubiläum.
Maria Callas belebte Cherubinis Medea wieder
1961 markierte der Medea-Auftritt von Maria Callas in Epidaurus einen großen Glanzpunkt in der Geschichte der Griechischen Nationaloper, ja der neueren griechischen Kulturgeschichte. Gerade die Callas hatte die auf Euripides basierende Oper von Cherubini 1953 in Florenz der Vergessenheit entrissen – und wie keine andere geprägt. So auch in Epidaurus, wo Callas’ Regie-Wunschkandidat, der Tragödienspezialist Alexis Minotis, in der Ausstattung des Malers Yannis Tsarouchis ans Werk ging.
Die GNO wagte nun, gegen den Mythos der Callas anzuspielen – und fuhr einen beachtlichen Erfolg ein, zu dem sie auch eine handverlesene Schar internationaler Kritiker einlud.
Anhand alter Skizzen, Fotos und Regiebücher gingen Penaghis Pagoulatos und sein Team an eine Revitalisierung der alten Produktion von 1961. Das ergab eine erfrischend unmodische, höchstens in manchem Soldatenaufmarsch angestaubte, insgesamt höchst stimmige, von bestem Regiehandwerkskönnen geprägte Aufführung. Raum zum Wirken, allen voran für die Italienerin Anna Pirozzi.
Auf ihren Schultern lag die Hauptlast, gegen die Callas ansingen zu müssen. Es gelang ihr beachtlich gut, wobei sie in manchen Momenten sogar ihr übermächtiges Vorbild imaginieren konnte. Pirozzi beeindruckte mit dramatischem Aplomb und bombensicheren, fokussiert in den Sternenhimmel strahlenden Höhen. Aber auch berührenden lyrischen Momenten, mit denen sie ihrer zwischen Liebe, Eifersucht und Rachelust, bis hin zur Ermordung der eigenen Kinder zerrissenen Frau musikalisch tiefe Gestalt gab. Dafür erntete sie Jubelstürme.
So wie ihre Dienerin Neris, altschön gesungen von Alisa Kolosova. Auch die übrigen, der lyrische Giasone von Jean-François Borras, der profunde Creonte von Tassis Christoyannis und die zart zwitschernde Glauce von Danae Contora, überzeugten. Ebenso der Chor und das Orchester der GNO unter dem mitunter ein wenig zu betulichen Jacques Lacombe. Die Publikumsmassen genossen gespannt das knapp dreistündige, nur ein einziges Mal gegebene Gemeinschaftserlebnis und jubelten – fast so, als wäre man gerade Weltmeister geworden.