Menschenskind, quo vadis?
Das aktionstheater ensemble feierte am Donnerstag in Bregenz Premiere des neuen Stücks „human (Ich bin Mensch)“ – und erntete dafür den begeisterten Applaus des Publikums im ausverkauften Theater Kosmos.
Was ist hier los? Rot-weiß-rote, meterhohe Flaggen auf der Bühne des aktionstheater ensembles? Lässt Regisseur Martin Gruber nach all den Jahren, in denen er sich mit der politischen Rechten und ihren Einflugschneisen in unsere Gesellschaft beschäftigt hat, nun als kleine Provokation den Patrioten raushängen? Wohl kaum, und man merkt auch gleich: Rot und Weiß wabern unruhig auf den Stoffbahnen umher, die Grenzen verwischen sich, irgendetwas stimmt hier nicht.
Seine Figuren, die vom Bingewatching geröteten Augen zombieartig schwarz umrandet, lässt Gruber in gewohnt manischer Manier über eigene Befindlichkeiten labern. Die digitale Aufmunitionierung ist nicht zu übersehen, die Smartphones liegen wie angewachsen in den Händen der Darsteller. „Die KI sagt…“ – aha. Die vermeintliche Autorität der Künstlichen Intelligenz kann auch gut eingesetzt werden, um andere ins Out zu verweisen. „Die KI sagt…“ – ja dann: Tschüss! Die Figuren reden und reden und reden – so gut wie den ganzen Abend aneinander vorbei. Das ist nicht neu für Inszenierungen des aktionstheaters, das sich immer der Vereinzelung widmet, der Angewiesenheit uns aller auf ein Gegenüber und dem mitunter missglückten Miteinander.
Die Brutalität untereinander nimmt zu
Mit „human (Ich bin Mensch)“ wirft Gruber seine Darsteller einem Angstmonster zum Fraß vor, das wir alle tagtäglich über unsere Handys nähren: „Bin ich okay?“ Mal schauen, was die K. I. dazu meint… Entsprechend ist die Brutalität in dieser Inszenierung vielleicht noch ein wenig entgrenzter, die Übergriffe auf die Kollegen noch ein wenig drastischer. So lässt Benjamin die schwangere Isabella halbnackt wie einen Hund auf allen vieren auf der Bühne herumrennen. Für einen guten Zweck. Es wird mitgefilmt, um das Crowdfunding in die Gänge zu bringen, denn Isabella ist schon im sechsten Monat – und hat kein Geld. Obszön? Da geht noch mehr.
Unser Logarithmus-gesteuertes Ich wird darauf getrimmt, geil zu finden, was den Tech-Bros gefällt: Zum Beispiel Melania Trump, die mit ihren „long beautiful legs“ auch mal über Leichen steigt, um wieder einen perfekten Tag lang ihrem Mann zu dienen. Ensemble-Mitglied Kirstin macht daraus eine tranceartige, erschreckende Choreografie, auf den rot-weiß-roten Flaggen tummeln sich mittlerweile Roboter, die die brüsteknetende und hinternklatschende Choreo übernehmen und dabei offenbaren, wie unheimlich und selbstverständlich Selbstverliebtheit und die Inszenierung von Reichtum mittlerweile geworden sind.
Miau!
Schon beinahe wohltuend dagegen die etwas aus dem Ruder gelaufene Rückholaktion von Andreas in die analoge Welt. Er geht in eine Bar, kippt einen Drogencocktail und plötzlich „verstehen sich alle“. Dass er dann nur noch „katzisch“ spricht, miaut und faucht – irgendwie menschlich, oder?