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Mozart im Zauber des Aufschwungs

· Culture

Festival d’Aix-en-Provence: Filmkünstler Clément Cogitore überzeugt mit einer stringent erzählten „Zauberflöte“ ohne bunten Übermut. Die Hauptrollen sind erstklassig besetzt. Das laue, mitunter wackelige Dirigat von Leonardo García-Alarcón enttäuscht.

Ein Junge streift durchs zerbombte Nachkriegs-Berlin. Er hat eine Papier-Krone auf und nennt sich Prinz. Die Drei (Trümmerfrau-)Damen retten ihn vor der Schlange.

Es kommt Papageno. Er schießt noch schnell mit seiner Flinte zwei Tauben. Man will ja nicht verhungern. Dazu hat dieser Vogelfänger, der Sean Michael Plumb mit samtigem Bariton hoch sympathisch gelingt, im Mantel Schwarzmarktware versteckt. Die Königin der Nacht, Sabine Devieilhe singt sie so menschlich wie stupend, ist hier ganz Mutter. Sie trauert um ihre Pamina und kümmert sich um Kriegswaisen.

Wie Tamino und Pamina zu Erwachsenen werden
Der Film- und Videokünstler Clément Cogitore wagte sich nach seiner 2019 gefeierten Pariser Inszenierung von Rameaus „Les Indes galantes“ erneut aufs Opernparkett.

Bei ihm ist der sonst blasse, sich brav fügende Tamino ein frecher Junge, der sich den Weg ins Leben erkämpft. Cogitore erzählt die „Zauberflöte“ als Entwicklungsgeschichte der Kriegskinder Tamino und Pamina, die in die heute längst wieder versunkene Wirtschaftswunderzeit hineinwachsen.

Ying Fang als in Reinheit herrlich blühende Pamina und Mauro Peters nobler Tamino haben Kinder als Doppelgänger. Cogitore beweist eine gute Hand für die tollen jungen Darsteller. Er lässt sie spielen und die Sänger dazu an ihrer Seite oder hinter transparenten Leinwänden singen. Auf diese werden raffiniert Archivmaterial der Nachkriegs- und Aufschwungzeit sowie eigens gefilmte Szenen projiziert.

Etwa, wenn Sarastro (altersweise profund: Brindley Sherratt) seine heiligen Hallen und neuen Aufklärungswerte dem Volk anpreist. Der angeblich Gute, dem die Strahlen der Sonne das Augenlicht geraubt haben, steht wie J. F. Kennedy und propagiert Wirtschafts- und Fortschrittsglaube in den prosperierenden USA. Da sind Pamina und Tamino bereits Jugendliche, die nach ihren Prüfungen dann endgültig erwachsen, in Deckung mit ihren Sängern, angepasste Wohlständler geworden sind.

Nur Papageno und Papagena (putzig: Emma Fekete), auf der Leinwand umschwirrt von ihren zukünftigen Kindern, können sich diesem Zwang entziehen.

Clément Cogitore gelingt eine klare, packende Erzählung der so disparaten Oper, mit pointiert modernisiertem Text, Witz und Identifikationspotenzial.

Leonardo García-Alarcón hingegen enttäuscht mit allzu betulichem, teils arg wackelndem Dirigat am Pult seiner Cappella Mediterranea, der im Théâtre de l‘Archevêché viele Obertöne in den Nachthimmel zu entschweben scheinen.