Sie werden gehasst, sie werden geliebt – kaum eine Rockband polarisiert seit Jahren so sehr wie die Kanadier Nickelback. Mit „Everything Under The Sun“ präsentiert das Quartett ihr stärkstes Album seit vielen Jahren. Damit kommen sie 2027 für ein „Krone“-Konzert nach Wien. Bassist Mike Kroeger gab uns Einblick in die Gegenwart der Rocker.
Die Veröffentlichung der Dokumentation „Hate To Love: Nickelback“ brachte nach Jahren des Online-Hasses einen späten Umschwung. Die einstmals meistgehasste Band der Welt mag zwar noch immer die Meinungen spalten, der große Backlash der 2010er-Jahre ist aber überstanden. Wie keine zweite Band mussten Nickelback schon früh erfahren, dass Erfolg Neider auf den Plan ruft. An der Doku hatte man sieben Jahre lang gedreht, bis Frontmann Chad Kroeger einen Schlussstrich unter das Projekt setzte. „Wir wären sonst wahrscheinlich nie damit fertig geworden“, erzählt sein Halbbruder und Bassist Mike im Interview mit der „Krone“, „aber es gab meines Wissens aus der Öffentlichkeit kein böses Wort über die Produktion und wir konnten dabei wohl auch einige Dinge klarstellen.“ Unkenrufe aus dem Netz sind trotzdem noch vorhanden. So munkelten manche, der Arbeitsprozess zum brandneuen Album „Everything Under The Sun“ wäre anfangs von Friktionen und Unsicherheiten begleitet gewesen – für Kroeger unverständlich.
Neue Arbeitsprozesse
„Gar nicht. Es war nur schwierig, mit der neuen Arbeit zu beginnen. Nach der Tour zum letzten Album haben wir das erste Mal seit Ewigkeiten eine längere Pause eingelegt. Jeder zog sich zurück und lebte sein Leben, das haben wir vor Corona in dem Ausmaß nie gemacht. Wir haben dann auch im Arbeitsprozess an ein paar Schrauben gedreht. Etwa zwei Wochen durcharbeiten und dann wieder Pausen einlegen. Wir haben keinen Stress und können unser eigenes Tempo gehen. Diese Umstellung hat uns gutgetan.“ Die direkten Vorgängeralben „Get Rollin‘“ (2022) und „Feed The Machine“ (2017) stellten nicht alle Nickelback-Fans zufrieden. Viele mokierten sich darüber, dass ihnen das Händchen für catchy Songwriting und den typischen Nickelback-Sound verloren ging. „Everything Under The Sun“ deutet dafür schon im Titel an, dass es bewusst wieder einen Schritt zurückging, um zwei nach vorn zu machen. „Der Titel steht dafür, dass alles in unseren Liedern Platz hat, was unter der Sonne ist – und das ist gewissermaßen alles.“
Sprich – das elfte Studioalbum der Hitfabrikanten klingt wie ein Best-Of aus der bisherigen Erfolgskarriere, ohne auf Best-Of-Material zurückzugreifen. „Der Druck heute ist, die Band so frisch und erfolgreich weiterzuführen und die Qualität hochzuhalten. Unsere Fans haben uns eine unglaubliche Karriere geschenkt und sind uns sehr treu. Wir müssen uns längst nicht mehr beweisen, aber wir stehen in der Pflicht, ihnen immer das Beste von uns zu geben.“ Dass das neue Album alle Phasen der Band streift, fiel dem Bassisten selbst anfangs gar nicht auf. „Ich habe das von Journalisten in Interviews immer wieder gehört und beginne es langsam selbst zu verstehen“, lacht er, „es gibt die Hard-Rock-Songs, die Balladen, die poppigeren Nummern, die die dazwischen liegen und manchmal auch Schlenker in andere Genres.“ Schon die ersten beiden Single-Auskoppelungen gaben die Eckpfeiler vor. Einerseits das melodisch-hymnische „Bones For The Crows“, danach folgte der kantige Rock-Brecher „Rattle The Cage“ mit Mötley Crüe-Gitarrist John 5 als Gast an der Gitarre.
Demografie des Publikums
Mit Ohrwürmern wie „How You Remind Me“, „Someday“, „Photograph” oder „Rockstar“ war Nickelback die kommerziell wohl größte Rockband der 2000er-Jahre. Selbst als es ab den frühen 2010er-Jahren schlecht um Gitarrenmusik stand und die US-Charts von Hip-Hop- und R&B-Acts dominiert waren, gelangen den Kroegers und ihren beiden Mitstreitern große Hits, die auch große Hallen füllten. Mittlerweile kommt Rockmusik zurück an die Spitze und Nickelback freuen sich darüber, dass auch eine jüngere Generation ihre Songs entdeckt haben. „Das fühlt sich fast so an wie das Durchbrechen einer Barriere. Wir haben unsere Konzerte untersuchen lassen und der Großteil der Besucher ist heute weiblich, sehr viele Besucher sind zudem sehr jung. Das war in den Anfangstagen ganz anders, da gab es überwiegend Männer zwischen 18 und 35. Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll, aber es macht mich unheimlich glücklich. Es ist nicht selbstverständlich, dass junge Menschen Musiker in ihren 50ern abfeiern.“
Mit dem Altern haben innerhalb der Band nicht alle ihre Freude, wie Mike Kroeger verrät. „Dünnes Eis! Wir reden nicht oft darüber, das behagt nicht jedem bei uns. Aber was will man tun? Es geht allen gleich. Wie fühlen uns gut, sind voller Elan und schreiben noch immer starke Songs. Mehr kann man vom Leben nicht verlangen.“ Bis auf Frontmann Chad sind alle Bandmitglieder bereits glücklich verheiratet, bevor der große Durchbruch kam – auch das hat die Musiker stets geerdet. „Du weißt einfach, wie du Probleme löst. Was dich aufregt und was nicht. Wie man miteinander umgeht und wo man lieber mehr Raum lässt. Das Leben ist voller Konflikte, Uneinigkeiten und Diskussionen. Am Ende ist es wichtig, kein Arschloch zu sein. Das kann man in einer Band auch, ohne sich und seine Bedürfnisse zurückzustellen, aber man muss kollektiv daran arbeiten.“
Respekt vor den It-Girls
Mit Applaus und Ruhm sind Nickelback seit Jahrzehnten firm. Der Song „Chasin‘ Famous“ humorig und doppelbödig mit dem vielfach geäußerten Wunsch, das große Rampenlicht abzubekommen. „Für Chad ist es wirklich schwierig, er wird überall erkannt. Ich gehe von der Bühne runter und kann eine Stunde später in 300 Meter Entfernung spazieren gehen und niemand wird mich erkennen. Meine Tochter hat mir, als sie zwölf war, mal gesagt, sie wolle berühmt werden. Ohne Arbeit und Talent wird das kaum gelingen, außer du bist Kim Kardashian. Vor den Kardashians habe ich den größten Respekt, denn auch ein It-Girl oder eine Instagramerin zu sein bedeutet enorm viel Arbeit.“ Als Arbeit per se betrachtet der Vollblutmusiker seine Profession ohnehin nicht. „Es heißt ja nicht umsonst, man spielt Musik. Es macht Spaß, man ist frei und wird auch nicht bejubelt. Musiker, Schauspieler und Sportler werden fürs Spielen bezahlt – es heißt nicht umsonst so. Ich weiß, in welch glücklicher Position ich mich befinde und bin dafür sehr dankbar.“
Exakt 30 Jahre nach dem Debütalbum „Curb“ kann man subsumieren, dass Nickelbacks größte Stärke die Vielseitigkeit im Rock-Schema ist, die man seit Anbeginn pflegt. „Holen wir uns einen Rapper, klingt es nach uns. Haben wir Country-Vibes, klingt das nach uns. Wagen wir uns an einen Heavy-Metal-Song, klingt der ebenfalls nach uns. Wir haben von Anfang an mit all diesen Bereichen experimentiert und die Leute sind daran gewöhnt. Deshalb gibt es auch immer noch genug Raum, wie wir uns beim Songwriting selbst überraschen können.“ An den Erfolgen von Nickelback war auch in den schwierigen Jahren nicht zu rütteln. Ihr untrügliches Gespür für erfolgreiches Songwriting schlägt sich etwa in der aktuellen Single „Make Me Love You“ nieder, die zumindest in den deutschen Rock-Radios auf- und abgespielt wird. Mit „Everything Under The Sun“ liegen Nickelback wieder auf der Erfolgsspur und feuern so hitverdächtig wie seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr.
„Krone“-Konzert in der Wiener Stadthalle
Am 25. Juni kommen Nickelback für ein „Krone“-Konzert in die Wiener Stadthalle und werden neben dem neuen Material natürlich auch alle großen Hits zum Besten geben. Unter www.ticket.krone.at gibt es Karten für das Konzertereignis. Dort finden Sie auch weitere Infos und Details zum Abend.