Kultur

Orgasmus, Baby – von der Kunst der Stimulation

Orgasmus, Baby – von der Kunst der Stimulation

Intellektuelle Erregung, atemloser Parforceritt, schauspielerische Glanzleistung: „Las Weinberge“ von Effe U Knust ist beim klagenfurter ensemble kein Stück, sondern eine Entladung, die am Mittwoch zur Uraufführung im Theater Halle 11 das Hirn durchzuckt.

Es beginnt mit einem Kribbeln: Das pinke Quecksilber im Tüll läuft animierend rezitierend im Wartebereich des klagenfurter ensembles (ke) herum, klettert auf Tische und ist Narr unter „Narren mit kaputten Lungen, gebrochenen Herzen und Gespenst-Gedanken“ aus dem Sanatorium Ha (Ha).

Furor, Humor, Sprachgewalt
Hier ist die Wahrheit der Zeit aberwitzig bis bitterböse in die soziale Zwangsjacken-Konvention eingeschnallt wie Jazmin, der Effe U Knust widerständigen Furor, bissige Sprachgewalt, mitreißenden Humor und (im Wortsinn) irrsinnige Klarsicht in den Mund legt. Nachdem sie auf dem verstimmten Klavier Pippi Langstrumpfs Kennung angespielt hat und „ich mach mir die Welt, widde-widde-wie sie mir gefällt“ noch immer schräg im Ohr klingt, wird sie das Publikum mitnehmen und in ruhigem Ton den Durchgangsraum bespielen.

Verwobenheit von Patriarchat und Krankheit
Dann öffnet sich die Tür zu Majda Krivograds wohnzimmerlicher WG-Bühne im Theater Halle 11 und die Stimulation beginnt – im ganz normalen Sanatoriumswahnsinn, der Unruhe wie Unbehagen ins Kollektiv der Patienten einschreibt und im Gewitter von Sprache und Bewegung als polyfone „Kakofonie“ ins Publikum schwappen lässt. „Hier lernt man aus der Passivität in die Aktivität zu kommen“, heißt es irgendwann ironisch, während Dumas „Kameliendame“, Lavants „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ und Manns „Zauberberg“ Weichen legen zur Verwobenheit von Patriarchat und Krankheit sowie der (perversen) Ästhetik des weiblichen Sterbens.

Anja M. Wohlfahrt schafft mit ihrer grandiosen Inszenierung das Kunststück, den reißenden Textstrom dieses intelligenten, irrlichternden, essayistischen Monologs mit seinen kratzigen Vulgaritäten, geschmeidigen Anglizismen und bitteren Wahrheiten aus dem Tiefnebel einer Leistungsfähigkeits- und Wiedereingliederungs-Gesellschaft kongenial auf visuelle Ebene zu heben, wo Clara Diemling als schauspielerische Urgewalt agiert.

Körper und Stimme, Wort, Sprache und Gesang – vielstimmiges Instrument, scharfe Waffe, hochgetuntes Transportmittel für eine, die (in die Klinik) einzog, um Angst, Ohnmacht, Verlogenheit und misogyner Machtstruktur das Fürchten zu lehren, oder besser gesagt, viele Stinkefinger zu zeigen – inhaltstragend mit Eigenkompositionen live umspielt von Stefan Gfrerrer samt Kontrabass und E-Gitarre.

„Wer ist krank? Wer gesund? Und wer bestimmt das?“ Die sehenswerte Koproduktion des ke mit dem Grazer Theater am Lend gibt darauf keine plakative Antwort, aber ein belebendes Fazit: Einfach Orgasmus, Baby!

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