Shaboozey: Zwischen Country, Trap und Kopfkino
Grammy-Gewinner Shaboozey meldet sich mit einem ambitionierten Konzeptalbum zurück. Auf „The Outlaw Cherie Lee & Other Western Tales“ erzählt der 31-Jährige eine Geschichte über Rache, Liebe und Verlust – und verbindet dabei modernen Country mit einer filmreifen Western-Erzählung – inklusive prominenter Besetzung.
Collins Obinna Chibueze, besser bekannt als Shaboozey, gehört längst zu den spannendsten Namen des modernen Country. Einem breiten Publikum wurde der US-amerikanische Singer-Songwriter spätestens durch seine Gastauftritte auf Beyoncés Erfolgsalbum „Cowboy Carter“ bekannt. Kurz darauf gelang dem 31-Jährigen mit „A Bar Song (Tipsy)“ endgültig der große Durchbruch. Der Song entwickelte sich zum Welthit und hielt sich 19 Wochen an der Spitze der US-Charts.
Dabei lässt sich Shaboozey musikalisch längst nicht in eine Schublade stecken. Country trifft bei ihm auf Americana, Hip-Hop und Pop – eine Mischung, mit der er dem Genre seinen ganz eigenen, modernen Anstrich verpasst. Für „Amen“, seine Zusammenarbeit mit Jelly Roll, gab es schließlich sogar den ersten Grammy. Mit seinem neuen Konzeptalbum „The Outlaw Cherie Lee & Other Western Tales“ will er nun noch einen Schritt weitergehen.
Viele Stars und ein wilder Ritt durch viele Songs
Und das tut er auch. Auf insgesamt 20 Tracks erzählt der Musiker eine durchgehende Geschichte über Rache, Liebe, Verlust und die Frage, wie weit ein Mensch für Gerechtigkeit gehen würde. Im Mittelpunkt steht Cherie Lee, die mitansehen muss, wie ihr Vater, ein Sheriff, von den sogenannten Bootcut Boys ermordet wird. Zahlreiche Gäste aus Musik und Film begleiten Shaboozey auf diesem wilden Ritt, darunter Jamie Foxx, Gunna, Kehlani, Teyana Taylor und Orville Peck.
Bereits der Titeltrack „The Outlaw Cherie Lee“ macht klar, wohin die Reise geht. Jamie Foxx übernimmt die Rolle des Erzählers und kündigt mit den Worten „Dies ist eine Geschichte über Rache – und darüber, wie weit eine Frau gehen wird, um sie zu bekommen“ das Abenteuer an. Spätestens mit „Til Sunday“ steht das Bild vor dem inneren Auge und man hat sein eigenes Kopfkino: ein staubiger Saloon, ein Drink auf dem Tisch und draußen wartet bereits das nächste Duell. Immer wieder unterbrechen kurze Skits wie „Hell Is Hot“ die Songs und treiben die Handlung voran. Dadurch fühlt sich das Werk weniger wie ein gewöhnliches Album und vielmehr wie ein vertonter Westernfilm an. Shaboozey selbst erzählte im Gespräch mit Apple Music, dass ihm beim Entwickeln der Geschichte an manchen Stellen sogar selbst eine Gänsehaut gekommen sei. Das ist durchaus nachvollziehbar.
„Yellowstone“ fürs Ohr
„Sweet Revenge“ etwa könnte problemlos in einer Serie wie „Yellowstone“ laufen. Gitarrenzupfen, klassischer Country-Sound und Shaboozeys raue Stimme lassen sofort Bilder von staubigen Straßen, Pferden und endlosen Weiten entstehen. Man muss nicht einmal großer Westernfan sein, um sich dabei plötzlich mitten auf einer Ranch wiederzufinden. Bei „Cowgirl“ greift Shaboozey wiederum jenen Mix aus Country, Rap und Trap auf, der bereits „A Bar Song (Tipsy)“ zum Welthit machte. Vielleicht sogar ein wenig zu deutlich, denn stellenweise erinnert die Nummer stark an seinen Über-Hit. Trotzdem funktioniert der Titel– gerade weil er sofort ins Ohr geht und das moderne Country-Konzept des Albums perfekt zusammenfasst.
Deutlich düsterer wird es bei „Death of Jeremiah Walker“. Die Produktion wirkt schwer und beinahe unheilvoll, während Teyana Taylor mit ihrer souligen Stimme Wärme in den Song bringt. Noch deutlicher wird die musikalische Fusion bei „Bullets & Blades“ mit Kehlani. Hier trifft Country auf R&B, ohne dass eines der Genres das andere überlagert. Im Gegenteil: Die beiden Stimmen harmonieren überraschend gut miteinander und machen den Song zu einem der stärksten Momente der Platte – auf Fans sind hin und weg von der Nummer. Zwischen all der Rache und Dramatik gönnt Shaboozey dem Hörer aber auch ruhigere Momente. „Kissed By An Angel“ oder „Coyotes Point“ schlagen sanftere Töne an. Mundharmonika, warme Gitarren und seine raue Stimme sorgen für kurze Verschnaufpausen und erinnern daran, dass auch im Wilden Westen Platz für Gefühl ist.
Der wilde Westen für zu Hause
Mit „The Epilogue“ schließt sich der Kreis. Gemeinsam mit Orville Peck lässt der Country-Rapper den imaginären Abspann über seinen Wilden Westen laufen. Ruhig, melancholisch und mit jener Schwere, die nach all der Gewalt und Rache fast zwangsläufig zurückbleibt, endet nicht nur das Album, sondern auch die Geschichte von Cherie Lee.
Fazit: Ein Cowboy tut eben, was ein Cowboy tun muss – und Shaboozey sucht sich dabei sein ganz eigenes Abenteuer aus. „The Outlaw Cherie Lee & Other Western Tales“ ist deshalb weit mehr als nur eine Ansammlung von Country-Songs. Es ist ein kleines Kopfkino, das Musik, Film und Storytelling miteinander verbindet. Nicht jede Nummer zündet gleichermaßen und manchmal bedient er sich sehr deutlich an seinem eigenen Erfolgsrezept. Als Gesamtkonzept funktioniert der Ritt durch seinen modernen Westen aber erstaunlich gut. Wer Country liebt und sich beim Musikhören gerne in seinen eigenen Film versetzen lässt, dürfte an diesem Abenteuer jedenfalls Gefallen finden.