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„Sind früher mit Macheten aufeinander losgegangen“

„Sind früher mit Macheten aufeinander losgegangen“

„Święta Wojna“ oder „Heiliger Krieg“, so nennt man in Polen das Duell zwischen den Krakauer Rivalen Wisła und Cracovia – trotz dieser martialischen Bezeichnung will mit Dominik Baumgartner auch ein Österreicher mitmischen, der erst im Sommer vom Wolfsberger AC zum kleineren Stadtklub Cracovia gewechselt ist! Was der 30-Jährige zu diesem heißen Duell zu sagen hat, was ihn und seinen Bruder Christoph von den Oasis-Machern unterscheidet, wieso Franco Foda für ihn persönlich der falsche Teamchef gewesen ist und wie Familienfeiern im Hause Baumgartner so ablaufen, das können Sie im 2.Teil des krone.at-Interviews nachlesen ODER im Video anschauen!

krone.at: Wie erlebst Du die Fans hier in Polen – ganz allgemein, aber auch speziell hier in Krakau? Als besonders schüchtern, leise und phlegmatisch gilt der gemeine polnische Fußball-Fan ja eher nicht …
Dominik Baumgartner: Nein, absolut nicht, es ist hier immer brutal viel Stimmung drinnen und die Fans sind relativ schnell unzufrieden. Ich kann mich an unser erstes Spiel erinnern, in Posen, das ist eine besondere Geschichte, die ich erzählen muss: Da gibt es eine besondere Fan-Freundschaft, die sich so zeigt, dass die Ultras von Cracovia und von Lech auf derselben Tribüne stehen. Ich glaube, das ist auch nicht so alltäglich ... [überlegt kurz] ... Ich war leider nicht dabei, aber das muss sich für einen Spieler komisch anfühlen, dass dann beide Fan-Lager auf derselben Tribüne sind. Ich habe so etwas noch nie wirklich erlebt. Grundsätzlich glaube ich, dass die Fans hier mit vollem Einsatz dabei sind. Wenn du dann nicht die gewünschten Leistungen erbringst und sie das Gefühl haben, dass du nicht 100-prozentig dabei bist, nicht 100 Prozent gibst, dann sind sie auch sehr schnell unzufrieden – daslassen sie einen dann auch spüren. Aber beim nächsten Spiel sind sie dann trotzdem wieder da, was zeigt, wie sehr ihnen der Verein am Herzen liegt ...

krone.at: Also grundsätzlich: Fehler verzeihen, ja – wenn man zumindest das Gefühl hat, man gibt alles?
Baumgartner: Genau! Wenn sie das Gefühl haben, die Mannschaft hat wirklich alles probiert und der Gegner war an dem Tag einfach besser, dann honorieren sie das auch. Aber wenn sie das Gefühl haben, dass die Mannschaft nicht 100 Prozent gegeben hat, dann sind sie schon sehr enttäuscht.

krone.at: Am 7. November gibt‘s das erste Derby Krakowa seit dem 1. Mai 2022, der vierjährigen Zweitklassigkeit von Wisła geschuldet. Was kann man von der Atmosphäre im Stadion bei so einem Spiel erwarten, wenn das Duell allgemeinhin als „Święta Wojna“, als „Heiliger Krieg“, bezeichnet wird?
Baumgartner: Ich habe ja das wirklich sehr kleine Derby hier gegen Wieczysta miterleben dürfen und was da schon abgegangen ist auf den Rängen, das war schon unglaublich. Es war generell für uns ein super Spiel, weil wir in den letzten fünf Minuten das Spiel zu einem 3:2-Sieg gedreht haben, wegen Pyrotechnik hat es da eine 10-/15-minütige Unterbrechung gegeben.

Es war eine wirklich unglaubliche Atmosphäre im Stadion – und da bin ich wirklich sehr gespannt darauf, wie das dann im Wisła-Stadion wird. Ich hoffe, dass es keine großen Turbulenzen geben wird, obwohl ich befürchte, dass man das nicht ganz verhindern wird können. Da ist in der Vergangenheit einfach zu viel vorgefallen – wobei es jetzt nicht mehr ganz so wild sein soll, wie es einmal war, was ich so gehört habe von meinen Mitspielern. Es hat Zeiten gegeben, wo sie mit Macheten aufeinander losgegangen sind.

krone.at: Kleiner Themenwechsel: 17-mal hast Du für Österreichs U21-Team Deine Knochen hingehalten. Ein Einsatz für die A-Nationalmannschaft ist Dir allerdings nie vergönnt gewesen. Wieso hat es nicht für ganz oben gereicht
Baumgartner: Da muss einfach sehr viel zusammenpassen und ich habe, das darf man nicht vergessen, mit 17 und mit 18 zwei Kreuzbandrisse gehabt. Das ist natürlich in einer Entwicklung eines Spielers nicht unbedingt förderlich.

krone.at: Und Du bist ja trotzdem in die U21-Mannschaft hineingekommen ...
Baumgartner: Ja, ich bin mit meiner Karriere auch angesichts der Verletzungen grundsätzlich trotzdem zufrieden. Einmal bin ich ja auch auf Abruf im A-Teamkader gestanden und wahrscheinlich hat es mit Franco Foda zu meiner besten Zeit beim WAC mit den Europa-League-Phasen auch gerade den falschen Teamchef für mich gegeben. Das meine ich auch überhaupt nicht böse, es hat nun einmal jeder einfach seine Einstellung. Ich glaube ich, dass es vielleicht für zumindest einmal dabei sein gereicht hätte, wenn da ein anderer Trainer gewesen wäre. Aber es muss eben schon auch alles passen – und vor allem sind wir auf der Innenverteidiger-Position in Österreich wahrscheinlich mit am besten aufgestellt gewesen. Mit David Alaba, Martin Hinteregger, Aleksandar Dragovic oder Gernot Trauner sind drei bis vier Positionen über Jahre vergeben gewesen, das muss man ganz ehrlich sagen ...

krone.at: Als gelernter Linksverteidiger hättest du bessere Chancen gehabt 
Baumgartner: Natürlich! Wir haben leider in Österreichs Nationalteam Positionen, auf denen es wahrscheinlich einfacher gewesen wäre. Ich würde mir wünschen, dass das in Zukunft auch nicht mehr so einfach wird, weil dann wäre das Team noch einmal auf einem anderen Niveau. Wir haben Positionen, wo uns zur absoluten europäischen Spitzenklasse noch einfach ein Stück weit etwas fehlt. Die Innenverteidiger-Position ist es definitiv nicht, da sind wir schon als Österreicher sehr gesegnet.

krone.at: Dank Deines jüngeren Bruders ist der Name Baumgartner im österreichischen Nationalteam ja auch trotzdem gang und gäbe. Wie geht es Dir damit, dass Du vom Christoph doch ein Stück weit überholt worden bist?
Baumgartner: Ach, das stört mich persönlich gar nicht. Es freut mich viel mehr für ihn, …

krone.at: Also seid ihr nicht so wie die Gallagher-Brüder von Oasis, die sich spinnefeind sind und dem jeweils anderen nichts gönnen?
Baumgartner: Nein, absolut nicht! Ich habe ja nichts davon, wenn ich es ihm nicht gönne, ich wäre nicht besser dadurch ... [überlegt] ... Nein, es freut mich einfach! Er hat jetzt eine sehr schwierige Phase hinter sich, immerhin ist es seine erste große Verletzung gewesen.

krone.at: Wie sehr hast Du da mitgelitten im vergangenen Juli, als das bekannt geworden ist?
Baumgartner: Ja, schon sehr! Ich bin ja damals auf Trainerkurs gewesen und wir haben das Spiel besucht, bei dem die Verletzung passiert ist. Ich habe beim Aufwärmen schon ein besonderes Augenmerk auf ihn gehabt und beim Schuss gemerkt, dass er sich direkt danach an den Oberschenkel gegriffen hat ... [zögert kurz] Dass es dann gar so schlimm war, damit hat natürlich keiner gerechnet – aber selbst ein Muskelfaserriss oder so etwas hätte ja schon gereicht, um die WM größtenteils zu verpassen. Und wenn sich ein Spieler direkt nach dem Schuss direkt auf den Oberschenkel greift und so wie er es getan hat, ist schon klar, dass das ein schlechtes Zeichen ist.

krone.at: Jetzt ist er wieder fit – hast Du in den letzten Tagen mal gesprochen mit ihm, wie es ihm jetzt geht, wie er sich fühlt?
Baumgartner: Ja, wir telefonieren regelmäßig! Er ist ja der Taufpate von meinem Sohn und dadurch, dass wir uns nicht so oft sehen, müssen wir das irgendwie über das Telefon regeln. Gott sei Dank gibt es ja schon Video-Telefonie und solche Sachen, um die Verbindung aufrechterhalten. Wir haben kurz vor seinem Comeback miteinander telefoniert, da hat er schon gesagt, dass es vielleicht möglich sein würde, dass er es in den Matchtags-Kader gegen Real schafft ...

krone.at: Für die Champions League …
Baumgartner: Für die Champions League, genau! Das war zum Reha-Start immer sein Ziel, dass sich dieses Spiel für ihn ausgeht, ein sehr ambitioniertes Ziel. Und zwischenzeitlich hat es auch eher nicht gut ausgeschaut, obwohl die Reha super verlaufen ist. Von dem her freut es mich, dass er jetzt wieder zurück ist und als Belohnung den Einsatz gekriegt hat. Im Bernabéu ist es natürlich immer ganz besonders und wenn man einen Einsatz dort mit einem Assist krönt, ist das persönlicher Sicht ein Riesenerfolg. Auch wenn das Ergebnis insgesamt gesehen nicht gut gewesen ist ...

krone.at: Auch Dein Cousin Stefan Feiertag ist verletzt, weswegen er beim direkten Duell eurer beider Klubs nicht einmal auf der Bank Platz nehmen hat können. Generell: Wie kurios ist das, dass sich zwei Cousins, deren Karrieren in Österreich keine große Berührungspunkte gehabt haben, sich in Krakau treffen, als Spieler zweier Stadtrivalen?
Baumgartner: Naja, grundsätzlich haben wir in Österreich schonzwei oder dreimal gegeneinander gespielt, als er noch bei Blau-Weiß Linz und ich beim WAC war. Da gibt es auch ein ganz cooles Foto, wo wir beide die Augen zu haben bei einem Kopfball... [grinst schelmisch] ... Nein, das ist natürlich sehr kurios, dass wir uns in so einer großen Stadtwieder begegnen. Das zeigt einfach, wie klein die Fußball-Welt ist. Und natürlich ist es vor meinem Wechsel zum Austausch mit dem Stefan gekommen, was das Leben in Polen anbelangt.

krone.at: Er hat ja auch davor schon Polen-Erfahrung sammeln können ...
Baumgartner: Genau, er hat bei ŁKS Łódź gespielt. Von dem her hat er die Stadt schon gekannt und mir auch nur Positives berichtet. Es ist natürlich sehr schade gewesen, dass das Duell am Rasen nicht zustande gekommen ist. Meine Familie war da und auch seine Familie war da, es wäre ein besonderes Spiel gewesen.

krone.at: Zur Info für unsere Zuschauer: Um was für eine Verletzung hat es sich es noch einmal gehandelt?
Baumgartner: Er hat sicheinen Knorpel zersplittert – also schon eine sehr schwere Verletzung. Die wird sicher noch Zeit brauchen, ich hoffe, dass er im Frühjahr wieder voll zurück sein kann. Wir hoffen einfach, dass alles gut wird ...

krone.at: Wie darf man sich Familientreffen im Hause Baumgartner vorstellen? Mit Dir als Fußballer, Deinem Bruder als Fußballer und eurem Vater, der immerhin viele Jahre lang in der Regionalliga aktiv gewesen ist. Kann‘s da überhaupt ein anderes Thema als Fußball geben?
Baumgartner: Wenn wir einmal alle gleichzeitig zu Hause sind, dann treffen wir uns immer, normal ist der Treffpunkt bei der Oma, die dann sehr oft für alle kocht. Grundsätzlich wird natürlich sehr viel über Fußball gesprochen, das ist ganz klar – aber vielleicht auch durch meinen Sohn hat sich das jetzt ein Stück weit verlagert zu familiären Geschichten. Von dem her gibt es nicht nur Fußball, aber natürlich sehr viel Fußball im Hause Baumgartner.

Den 1.Teil des krone.at-Interviews mit Dominik Baumgartner finden Sie HIER!

krone.at: Stichwort Horn: Dominik Baumgartner, Christoph Baumgartner, Leo Greiml, Stefan Feiertag – alles Horner, alle zwischen 24 und 30 Jahre und alle im Profifußball tätig, was bei einer 6500-Seelen-Stadt wie Horn statistisch gesehen in dieser Häufung nicht möglich sein dürfte. Was tun die euch in Horn ins Trinkwasser?
Baumgartner: [lacht] Nein, ich glaube, es liegt jetzt nicht wirklich am Trinkwasser! Es ist einfach so, dass die Nachwuchsarbeitund die Infrastruktur für den Nachwuchs in Horn hervorragend sind. Da sind Plätze vorhanden, wie man sie in Österreich wahrscheinlich selten noch einmal findet – so etwas hätte ich gerne auch beim WAC gehabt. Neben den Vereinstätigkeiten und den Trainings ist ganz wichtig, was man zu Hause macht. Wenn du, so wie wir, jeden Tag im Garten miteinander spielt, dann macht das einen Unterschied aus. Ich glaube, dort lernst du als Kind noch einmal wesentlich mehr als am Fußball-Feld oder beim Fußball-Training. Mit Playstation und Co. fehlt jetzt manchmalein Stück weit, was früher einfach gang und gäbe war: dass du draußen bist, dass du Fußball spielst oder auch andere Sportarten machst. Das ist schon ein großer Schlüssel zum Erfolg.

krone.at: Ohne etwas gegen Horn sagen zu wollen, aber den Verlockungen einer Großstadt ist man dort auch nicht unbedingt ausgesetzt …
Baumgartner: Natürlich, ja! Wobei Horn für uns als Landeier schon eine richtige Großstadt ist ... [lacht] ... Wir sind ja noch einmal 20 Minuten von Horn entfernt daheim, wo wir gerade einmal ein Geschäft zum Einkaufen haben – und das war es dann, da gibt es wirklich sonst nichts mehr. Dann verbringst du halt einfach die Zeit draußen oder im Wald, das macht schon sehr, sehr viel, aus, glaub‘ ich ...

krone.at: Zum Abschluss: Du bist inzwischen 30 Jahre alt, was zwar zweifellos kein Alter ist für einen Profi-Fußballer, aber ich denke, wir wissen beide, dass weniger Karriere-Jahre vor Dir als hinter liegen. Hast Du einigermaßen spruchreife Pläne dahingehend, wie lange Du noch spielen willst und was danach kommen soll?
Baumgartner: Nein, nicht wirklich! Hier bei Cracovia habe ich jetzt einmal noch zwei Jahre Vertrag und dann ein Optionsjahr – mal schauen, wie sich alles entwickelt ... [überlegt kurz] Natürlich rückt das Karriereende immer näher, das ist keine Frage, aber ein paar Jahre habe ich, glaube ich, schon noch in mir. Ich habe aber inzwischen ein Studium in Business Administration and Sports abgeschlossen, habe also einen MBA. Das Fußball-Business würde mich schon noch ein Stück weit reizen, wenngleich mehr in Richtung Sportdirektor – aber ich kann mir auch ein Leben ohne Fußball ganz gut vorstellen, das muss ich ganz ehrlich sagen ... [zögert kurz] Als Fußballer hat man ein sehr schönes Leben, es hat aber nicht immer nur Vorteile: Familienfeiern wie Hochzeiten usw., die halt doch an Wochenenden stattfinden, kann man etwa nicht sehr oft beiwohnen. Aber okay, im Vergleich dazu, wie gut es uns grundsätzlich geht, sind das wirklich kleine Nachteile.

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