Kultur

The Ghost Inside: Die zweite Lebenschance genutzt

The Ghost Inside: Die zweite Lebenschance genutzt

The Ghost Inside gelten als eine der beliebtesten und erfolgreichsten Metalcore-Bands aus den USA. Ein tragisches Ereignis hätte ihn vor knapp elf Jahren fast das Leben gekostet. Sänger Jonathan Vigil und Drummer Andrew Tkaczyk erinnern sich im „Krone“-Talk vor ihrem Auftritt in Linz an diese Zeit zurück.

Am 19. November 2015 verändert sich das Leben für die Bandmitglieder von The Ghost Inside für immer. Nur acht Meilen von El Paso in Texas entfernt kollidiert ihr Bus mitten auf Tour und auf dem Weg nach Arizona mit einem LKW-Trailer. Ein fataler Unfall, der beiden Fahrern das Leben kostet während die anderen zehn Insassen im Bus überleben. Doch nicht alle kommen dabei glimpflich davon. Sänger Jonathan Vigil, Gitarrist Zach Johnson, Drummer Andrew Tkaczyk und zwei weitere Menschen kommen mit schweren Verletzungen ins Spital. Ein erstes Lebenszeichen für die Fans gibt es erst am 13. Jänner 2016 auf Vigils Instagram-Account. Er zählt seine Verletzungen auf und zeigt sich froh darüber, überlebt zu haben. Einen Tag später zieht Tkaczyk nach und hinterlässt die Fans in Schockstarre. Er hat beim Unfall ein Bein verloren und lag zehn Tage lang im Koma. Johnson büßt zwei Zehen ein. Schon wenige Monate später kündigen die noch im langwierigen Heilungsprozess befindlichen Musiker ihr Comeback bei der renommierten „Vans Warped Tour“ 2017 an.

Ein Tiefschlag nach dem anderen
Im Februar 2017 müssen die Musiker zugeben, dass sich das noch nicht ausgeht. Bis es wirklich zu einem Auftritt kommen sollte, vergeht noch viel Zeit. Am 13. Juli 2019 tritt man schließlich im The Shrine in Los Angeles auf, die Reunion-Show war innerhalb von vier Minuten restlos ausverkauft. Vigil sagte, ermüdet aber überglücklich, nach diesem Konzert: „Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, ob das unser allerletztes Konzert oder das erste von hunderte weiteren werden wird, aber unabhängig davon haben wir bereits an neuer Musik geschrieben.“ Dass die Corona-Pandemie die Band dann erneut ausbremsen sollte, war ob des Unfalls dann fast schon nebensächlich. Dazwischen wurde auch noch Bandmitglied Jim Riley wegen Rassismusvorwürfen gefeuert, nach Aufklärung und vieler Missverständnisse aber wieder zurück an Bord geholt. The Ghost Inside haben in ihrer relativ kurzen Karriere jedenfalls mehr er- und durchlebt als andere Menschen über mehrere Generationen hinweg.

Beim Nova Rock 2025 reaktivieren Vigil und Tkaczyk für unser Gespräch noch einmal die Erinnerungen an ihren „zweiten Geburtstag“. „Es gibt keine Möglichkeit, so etwas durchlebt zu haben, ohne dass es ein elementarer Teil von dir bleibt und dich für immer verändert“, so der Frontmann, „Andrew wird mit dem fehlenden Bein unweigerlich täglich daran erinnert. Ich werde bis an mein Lebensende Knöchel- und Rückenschmerzen als Resultat daraus haben. Dieser Unfall ist ein Teil unserer DNA und der Tatsache, wer wir heute als Musiker und Menschen sind. Aber er definiert uns nicht. Wir müssen damit an jedem einzelnen Tag unseres Lebens klarkommen, aber wir sind mehr als dieses Schicksal.“ Das bislang letzte Studioalbum „Searching For Solace“ (2024) war ein Statement. Einerseits so hart und aggressiv, wie keines davor. Zum Teil aber auch sehr zartfühlend und brüchig. „Es geht musikalisch und textlich um die vielen Aufs und Abs im Leben. Das haben wir versucht zu ammeln und auszudrücken.“

Eine andere Zugangsweise
Mit dem Unfall wurde aus The Ghost Inside mehr als eine Metalcore-Band, die ihre Instrumente und das Songwriting beherrscht. Innerlich und äußerlich. „Der titelgebende Trost ist für uns die Musik. Ohne die Kraft der Musik wären wir wahrscheinlich nie zurückgekommen. Wie würde unser Leben aussehen, hätten wir die Band und die Musik endgültig auf Eis gelegt? Das war aber trotz aller Überlegungen in alle Richtungen nie wirklich ein Thema. Ganz tief drinnen in uns war immer klar, dass uns das Schicksal nicht davon abhalten kann und wird, diese Band zu haben und zu zelebrieren.“ Der überstandene Busunfall hat auch das Songwriting nachhaltig verändert. „Wir konzentrieren uns viel stärker auf die positiven Seiten des Lebens. Versuchen, das Leben von der guten Seite zu sehen und als eine Art Botschaft über die Lieder auch unseren Fans zu vermitteln. Ich bin auf alles stolz, was wir als Band je geschrieben haben“, bekräftigt Vigil, „aber diese neue Phase in unserem Leben hat eine ganz andere Qualität.“

Das schlägt sich in praktischer Sicht etwa beim Tourleben aus. Rauschten die Vielarbeiter früher wie der Blitz durch die Länder, genießt man heute das Leben und die Welt weitaus mehr. „Vielleicht liegt es auch daran, dass wir älter geworden und mittlerweile fast alle in den 40ern angekommen sind, aber ich glaube, das Erlebnis 2015 hat uns schon auch in dieser Hinsicht die Augen geöffnet. Wir sollten vielleicht gar nicht mehr hier sein und dass wir es doch sind, macht uns extrem dankbar. Wenn wir heute zum millionsten Mal beim Big Ben in London vorbeifahren, dann schätzen wir ihn trotzdem, weil es nicht selbstverständlich ist, sowas zu erleben. Uns ist auch bewusst, dass bestimmte Dinge nicht ewig funktionieren und alles einmal ein Ablaufdatum hat, wenn man älter wird.“ Mittlerweile versuchen The Ghost Inside jüngere Supportbands vor Fallen und Fehlern zu warnen. „Aber zum Glück hören sie nicht auf uns. Jeder Mensch muss selbst auf die Nase fallen.“ Das nächste Studioalbum kommt bestimmt, jetzt gilt es aber erst einmal, die Klassiker zu zelebrieren.

Live in Linz
The Ghost Inside sind am 7. August beim Frischluft-Open-Air im Linzer Posthof zu sehen – das einzige Konzert der Combo in Österreich in diesem Jahr. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten und weitere Informationen zum sommerlichen Freiluft-Highlight mit einer Band, die wirklich schon viel erlebt hat. Im Vorprogramm sind die nicht minder genialen Metalcore-Urgesteine Unearth am Start.

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