Mit ihrem fünften Album „Dear God“ gelingt der US-Rockband The Pretty Reckless ein in dieser Form nicht geahnter Sprung in lichte Höhen. Frontfrau Taylor Momsen gibt stimmlich und inhaltlich alles und führt ihre Band damit in die oberste Liga. Die „Krone“ traf sie während des Nova Rocks und fragte genauer nach.
Wie sich die Zeiten ändern. Als wir Taylor Momsen, Frontfrau und Sängerin von The Pretty Reckless 2017 am Rande des Nova Rocks das erste Mal zum Interview baten, saß sie mit Sonnenbrille, leicht aufgedunsenem Gesicht und Songwriting-Partner Ben Phillips an ihrer Seite im Tourbus und versuchte fehlende Redegewandtheit mit einer Überdosis Coolness zu übertünchen. Immer griffbereit war dabei die Flasche Jack Daniels – den Rockstarklischees wurde zu 100 Prozent entsprochen, wiewohl das einstige „Gossip Girl“ sehr sympathisch und zugänglich war. Neun Jahre später findet das nächste Treffen an derselben Wirkungsstätte statt und es könnte unterschiedlicher nicht sein. Die Band steht beim Nova Rock zwei Wochen vor der Veröffentlichung des Albums „Dear God“, Momsen ist topfit und gutgelaunt – wohlwissend, dass das neue und fünfte Werk den großen Karrieresprung bringen könnte.
„Habe nichts ausgelassen“
In 50 Minuten und 14 Songs legt die Röhre eine Lebensbeichte ab, die wenig auslässt und den ohnehin schon sehr persönlichen Zugang zu ihren Songs noch persönlicher und intensiver gestaltet. „Ich kann dir gar nicht genau sagen, warum dieses Album so anders klingt als seine Vorgänger, aber seit dem letzten ,Death By Rock And Roll‘ ist viel passiert und ich habe viel erlebt“, erzählt sie uns freimütig im Gespräch, „dieses Album kulminiert alles, was in meinem Leben passiert ist. Von der Kindheit bis zur Gegenwart. Ich habe nichts ausgelassen und die Texte bewusst brutal ehrlich gehalten, damit alle sehen und hören können, wie es in mir und in meinem Kopf aussieht. Das hat dann wohl zu etwas sehr Speziellem geführt.“
Die Single „When I Wake Up” dominiert bereits die amerikanischen Rock-Charts und spielt auf durchzechte Partynächte an, wo man am nächsten Morgen nicht mehr weiß, was am Vortag passiert ist. „Es ist schön zu sehen, dass dieses Lied so gut ankommt und sich viele damit identifizieren können, aber auch dieser Song war nicht kalkuliert. Ich bin momentan routiniert genug, um mich hinzusetzen, um Lieder zu bestimmten Themen und mit einem gewissen musikalischen Zugang zu schreiben, aber das ist mir insgesamt zu wenig. Ich will immer zu 100 Prozent pur inspiriert sein. Ich will mich von der Inspiration an Stellen tragen lassen, an die man normalerweise nicht heranreicht. Die besten Songs sind immer die, die dir passieren. Die sich so anfühlen, als würden sie vom Himmel in deinen Schoß hineinfallen.“
Ein großes Geständnis
„Dear God“ ist normalerweise eine Ansprache, die man außerhalb des Greifbaren anwendet, wenn man jegliche Form der Hoffnung verliert. So will das Momsen nicht verstanden wissen. „Ich bin katholisch erzogen worden, glaube aber nicht an organisierte Religionen. An eine höhere Macht zu beten, um Vergebung bitten und jemanden rufen, der größer ist als man selbst – das ist nicht mein Ding. Das Album ist ein großes Geständnis über all die Dinge, die ich gemacht habe und die in meinem Leben passiert sind. Ob das mit einer anders gearteten Macht zusammenhängt oder nicht, kann ich nicht sagen, aber das Bild dazu passt perfekt zur Geschichte.“ Momsen geht nicht so gerne direkt auf ihre schwierige Vergangenheit ein, hat aber deutlich an Reife und Selbstsicherheit gewonnen.
Damit zu tun hatten sicher auch prägende Erfahrungen wie zwei Tourneen im Vorprogramm von AC/DC – eine Band, die die Sängerin selbst über alle Maßen bewundert und die sie jetzt zu ihrem erweiterten Freundeskreis zählen darf. „Ich habe in der Vergangenheit viel über mich und mein damaliges Ich gelernt. Ich liebe dieses Album so sehr, weil es teilweise konzeptionell ist und eine Geschichte erzählt. Du erfasst diese Geschichte nicht, wenn du einen Song hörst – du brauchst das volle Bild und das schätze ich daran. Ich musste all die teilweise negativen Erfahrungen machen, damit ich Stoff für das Songwriting habe. Zusammengefasst würde ich sagen, ich funktioniere dann am besten, wenn die Kerze bei mir von beiden Seiten brennt“, lacht sie, „und das verstehen auch unsere Fans. Ich kann mich glücklich schätzen, solche Fans zu haben, weil sie teilweise dieselben Probleme und Rückschläge erlitten haben und mich und meine Lieder daher gut verstehen.“
Ein unvergleichliches Gefühl
So kann man sich in schöner musikalischer Abwechslung durch Tracks wie „Rollercoaster Of Life“, „Dragonfire“ „Eye Of The Storm“ oder „Dark Days“ hören und dabei tief in die Seelenwelt der Sängerin eintauchen, die auch in puncto stimmlicher Variabilität einige Level stärker unterwegs ist als früher. „Ich habe über mich gelernt, dass ich mich dann am besten fühle, wenn ich etwas mache und beende, das sich für mich gut anfühlt. Etwa wenn ich einen persönlichen Song final zu Papier bringe und spüre, das ist die Message, die ich mit der Außenwelt teilen möchte. Eine tolle Tour zu spielen, mit den Fans zu singen, die Welt zu bereisen – das sind alles wunderbare Erlebnisse, aber nichts verschafft mir so viel Befriedigung wie das Gefühl, das man hat, wenn ein Lied so klingt, wie man es sich erträumt hat.“ Mit „Dear God“ erreicht nicht nur The Pretty Reckless eine neue Ebene, man straft auch alle Unkenrufer Lügen, die unaufhaltsam den Tod der Rockmusik predigen. In der Form geht es für Momsen und Co. steil in Richtung Stadien.