Tom Jones: Man muss ihm im Alter genauer zuhören
Wenn Tom Jones zu Besuch ist, kommen die Leute – das gilt in Österreich seit Jahrzehnten als gesichert. Am vielleicht heißesten Montag der heimischen Messgeschichte zog Tom Jones vor 4000 Fans auf der Seebühne in Mörbisch mit stolzen 86 Jahren all seine Register. Die wichtigste Konklusio aus der Show: In der Ruhe der musikalischen Kraft liegt die stärke der wahren Legenden – nicht in ihren Hits.
Etwa zur Halbzeit des Konzerts lässt Sir Tom Jones auf der sonnigen Mörbischer Seebühne aufhorchen. „Willie Nelson ist 93 und hat unlängst ein Album veröffentlicht. Ich bin erst 86. Da kann ich mich noch auf etwas freuen.“ Der walisische Tiger ist längst ein Nationalheiligtum der britischen Insel und beweist Sommer für Sommer, dass Qualität kein Alter kennt. Während andere Sänger sich bereits in ihren 50ern durch ein abendliches Set krächzen, brilliert Jones im Spätherbst seines Lebens mit einer stimmlichen Makellosigkeit, die mit jedem weiteren Lebensjahr für noch mehr Staunen sorgt. Diesen Sommer ist er der Mann der Extreme. Bei einem Auftritt im Zuge der „Klassik am Dom“-Reihe in Linz goss es aus Kübeln und der Gig stand knapp vor der Absage. Vor dem Mörbisch-Auftritt drehten die Thermometeranzeiger im Osten Österreichs dafür ein weiteres Mal gen 40 Grad. Das zu einem großen Teil betagtere Publikum wird mit Tipps darauf vorbereitet, doch leichte Windbrisen sorgen für eine fast angenehme Abend-Atmosphäre.
Sich die Lieder zu eigen gemacht
Das liegt auch am Fehlen der Gelsen. Im August 2012 konzertierte der Kult-Musiker auch schon auf dieser Bühne – damals konnten sich die Besucher der blutsaugenden Insekten kaum erwehren. An diesem Montagabend saugt nur Jones die Aufmerksamkeit der Menschen in sich auf und beweist mit souveräner Brillanz, dass seine Stimme und die bloße Präsenz noch immer für andächtiges Schweigen sorgen können. Es gibt Sänger, die interpretieren Lieder von anderen und es gibt solche, die machen sich Songs anderer zu eigen. Jones gehört zur seltenen Spezies der zweiteren Sorte. Mit leichter Verspätung, das Publikum kam zu einem großen Teil nicht überpünktlich an, entert er mit grünem Hemd, Seidenhose und Birkenstock-Sandalen die Bühne. Jene habe er erst unlängst in Frankfurt erstanden, erzählt er während der Lieder. Und sollte zufällig jemand vom Unternehmen anwesend sein, möge er sich bei Jones melden – sicherheitshalber gibt er seine Lieferadresse London bekannt.
Trotz der meteorologisch schwierigen Umstände ist der Elder Statesman der Populärmusik bestens gelaunt und nutzt die Momente zwischen den Liedern gerne für Scherze und anderweitige Interaktionen mit dem Publikum. Diesen ganz speziellen, tief britischen Humor beweist er auch, indem er sein Live-Set mit „I’m Growing Old“ startet und sich nur am Piano begleiten lässt. Gleich darauf folgt ein erster von vielen emotionalen Höhepunkten. „Tower Of Song“ war schon im Original beim unvergessenen Leonard Cohen eine Wucht, Jones gibt dem meditativen Klassiker aber eine eigene Note und macht eine Art neuen Song daraus. Beim Teil „I was born with the gift of a golden voice“ gibt es von den rund 4000 Anwesenden ehrfurchtsvollen Sonderapplaus. Jones lächelt charmant zurück. Zur einen Hälfte aus Dankbarkeit. Zur anderen Hälfte wissend, dass ihm dieses Geschenk tatsächlich in die Wiege gelegt wurde und er es durchaus erfolgreich zu nutzen weiß.
Die Melancholie des Alters
Die größten Erfolge feierte Tom Jones ausgerechnet mit jenen Liedern, die ihn über Jahrzehnte hinweg bei vielen zu einer Art unausstehlichen Klassenclown gemacht haben. Und auch wenn es einem Großteil der Fans noch immer gefällt. Der Evergreen „What’s New Pussycat?“ist eher zum Verstecken, auch das flotte „I’m Not Unusual“ und der Gassenhauer „Sexbomb“ muten im höheren Alter skurril an. So manch heimische Indie-Musikerin würde bei jedem zweiten Song wieder Zeter und Mordio schreien, bevor sie im Nachhinein kleinlaut zugeben müsste, gelernt zu haben, dass ein Interpret nicht automatisch auch gleich Textschreiber und Urheber ist. Das wäre aber eine ganz andere Geschichte. In der unsrigen muss man als langjähriger Jones-Fan über die clownesken Nummern im ersten Showdrittel hinwegkommen, um dann später im Set den wahren Künstler erfassen zu dürfen. Tom Jones ist nämlich immer dann am besten, wenn man ihm genau zuhören muss und er sich zuweilen hinter der verdienten Melancholie des Alters verbirgt.
Das gelingt – unterstützt von seiner famosen fünfköpfigen Band, aber gänzlich ohne Bühnenfirlefanz – bei manchen Liedern besonders gut. Die fast schon brüchige Fragilität seiner Person während der Performance zur Ballade „I Won’t Crumble With You If You Fall“, das psychedelisch angehauchte und instrumental ausgedehnte 70s-Gemütsstück „Lazarus Man“ oder da emotional dargebotene Waterboys-Cover „This Is The Sea“ sind besonders memorable Momente. Nämlich jene, in denen der 86-Jährige Herz und Seele nach außen stülpt, sie für sein Publikum greifbar macht und sich mit ihm vereint. Allen Geschichten über Woody Allen und Peter Alexander, ersten Albumaufnahmen aus 1964 oder weiteren Meilensteinen aus seiner großen Karriere zum Trotz, sind es diese leisen, bedachtsamen und zutiefst bedeutungsvollen Szenen, die seine Karriere eigentlich prägten, obwohl das Gros der Anwesenden sich vor allem über die vier bis fünf größten Hits seiner Karriere freut.
Der Hüftschwung geht noch immer
Stolz steht er die gut 90 Minuten seines wegen der Hitze leicht verkürzten Sets, der Barhocker wird nur sehr selten zum Anlehnen verwendet und dient vornehmlich der psychischen Sicherheit und inneren Beruhigung. Dass Jones nicht nur düsteres Songwritertum und den Blues besonders gut beherrscht, beweist er am Ende seines regulären Sets. Beim flotten „If I Only Knew“ wagt er zu groovenden Funk-Rhythmen gar ein paar kesse Hüftschwünge und beim äußerst gelungenen „Kiss“ beweist der Gentleman mit dem besonderen Schmäh auch, dass er selbst eine Lichtgestalt wie Prince mühelos zu covern weiß. Mit Österreich generell und dieser Bühne im Besonderen verbindet ihn viel. Dazu braucht es nicht die vielen ehrlich gemeinten „Dankeschöns“, die er seinem mit ihm mitgealterten Publikum demütig entgegenwirft. Wenn Tom Jones auf sich und seine Stimme achtet, wird er auch noch in fünf Jahren für Live-Furore sorgen. Dass die „Sexbomb“ mittlerweile stark ergraut und faltig ist, macht nix. Charisma kennt kein Ablaufdatum und davon hat der kreuzfidele Vollblutsänger ganze Wagenladungen voll.