Tom Joseph: Zartfühlendes aus den schroffen Bergen
In anderen Bands experimentiert Andreas Steiner mit unterschiedlichsten Klangbildern, seine Heimat findet er aber im Singer/Songwriter-Genre und beim Folk. So entstand auch das Debütalbum „Maud‘s House“ unter seinem Aliasnamen Tom Joseph. Der „Krone“ verrät er, warum es darauf um Freundschaft und Tod geht, wie er von der Musik leben kann und was im Leben zählt.
Das Massiv der Tiroler Berge kann für Außenstehende ungewohnt mächtig erscheinen – umso erstaunlicher ist es, dass aus der Landeshauptstadt Innsbruck derart zarte und filigrane Klänge wie jene von Tom Joseph kommen. Hinter diesem aus seinem zweiten und dritten Vornamen zusammengestellten Pseudonym steckt der 34-jährige Andreas Steiner, den man unter anderem von der Rapperin Spilif oder als Beat-Bastler bei Jakuba kennt. Sein wahres Herz steckt aber im Singer-/Songwritertum des unvergessenen Nick Drake. „Sein,Bryter Layter‘ war eines meiner ersten Alben, weil ich das Artwork so cool fand“, erinnert sich Steiner im „Krone“-Gespräch zurück, „neben Johnny Cash war ich mit ihm am Frühesten in Verbindung. Es kommt ganz oft vor, dass Fans bei meinen Konzerten Anklänge an Drake heraushören, was ich richtig cool finde.“ Nebenbei sind natürlich auch Big Thief und Adrienne Lenker besonders wichtig für sein Herzensprojekt. „Diese Musik kommt aus mir raus, wenn man mich einfach machen lässt. Es fällt mir leicht, nach dem Ausscheren in andere Richtungen sofort wieder bei dieser Musik anzudocken.“
Auf den Spuren der Beatles
Als Tom Joseph ist es ihm aber besonders wichtig, nicht in der Vergangenheitsspirale festzukleben, sondern den zeitlosen Sound so zeitgemäß wie möglich zu gestalten. „Viele glauben ja, hätten sie in den 70er-Jahren eine Band gehabt, wäre alles viel besser gewesen. Oder die Beatles hätten alles richtig gemacht. Die Beatles haben aber deshalb so viel richtig gemacht, weil sie stets am Zahn der Zeit waren. Insofern ist es mir sehr wichtig, meinen Sound nicht zu reproduzieren, sondern einen eigenen Stempel draufzuhaben, der klar definiert, dass ich das bin.“ Nach zwei EPs und zahlreichen Singles ist das Veröffentlichen des Debütalbums „Maud’s House“ für Joseph ein Karrieremeilenstein. „Ich habe jetzt ein bisschen die Essenz von dem gefunden, nachdem ich jahrelang gesucht habe. Dieser Sound repräsentiert mich als Person mit all ihren Gefühlslagen. Ich will mich natürlich weiterentwickeln, aber so ganz grundsätzlich habe ich meine klangliche Heimat gefunden.“
Die Eckpfeiler seines Albums sind die zwei Themenkomplexe Freundschaft und Tod – beide waren für Tom Joseph in den letzten Jahren gleichermaßen relevant. „Bei mir hat sich eine langjährige Beziehung auf recht unangenehme Art und Weise beendet. Der Verlust war so groß, dass er mein ganzes Leben umgekrempelt hat. Wenn man sich nach rund zehn Jahren trennt, fühlt sich das ein bisschen so an, als wäre etwas in einem mitgestorben und ich war danach sehr einsam. Zudem ist ein Freund verstorben, den ich noch gut aus der Schulzeit kannte. Ich war eine Zeit lang ganz allein.“ Genau hier setzt der Themenkomplex Freundschaft ein. „Irgendwann durfte ich wieder unheimlich schöne Erfahrungen mit diesem Thema machen. Dann kam endlich der Moment, wo ich aktiv realisiert habe, wie viele Menschen für mich da sind und mir zur Seite stehen. Deshalb ist das Album auch ein Dankeschön an sie alle. Am Ende bleibt das Gefühl, dass man nicht alleine ist und sich aus seiner Komfortzone raustrauen soll. Mir hat das irrsinnig geholfen.“
Der Kreis hat sich geschlossen
Die titelgebende Maud ist übrigens die in Insiderkreisen bekannte kanadische Malerin Maude Lewis, die ihre Karriere trotz körperlicher Behinderungen machte und ihr ganzes Haus zu einem großen Kunstwerk gestaltete. „Sie hat ihr ganzes Haus als Leinwand benutzt und vor nichts Halt gemacht. Ich fand den Gedanken wunderschön, weil dadurch in jedem Teil des Hauses so viel Liebe und Persönliches drinsteckt. Ihr Mann wurde dort neun Jahre nach ihrem Tod bei einem Raubüberfall ermordet. Für mich schloss sich da auch der Kreis zwischen Tod und Freundschaft.“ Aus dem ruhigen Rest des Albums schert ausgerechnet der Closer „Just What I Needed“ heraus, wo man sich für einen kurzen Moment bei einer echten Band verortet fühlt. „Das Album endet auch thematisch positiv. Es gibt einen schönen Bogen, der gut beginnt, dann irgendwann schwer wird, aber dann leicht hinausführt in die reale Welt. Wir haben es geschafft. Das Leben geht weiter - das sind so die Kernbotschaften, die darin stecken.“
Grundsätzlich sind die Songs in einem kongruenten Zeitraum entstanden, ein paar vereinzelte haben auch schon knapp zwei Jahre am Buckel. Man kann aber zusammenfassen, dass Tom Joseph an „Maud’s House“ aktiv von Jänner 2025 bis Jänner 2026 gearbeitet hat. „Mit ,Precious Cargo‘ kam sogar auf der Hälfte des Prozesses noch ein neuer Song daher, der gepasst hat und einfach noch draufmusste.“ Wichtig war Tom Joseph, dass die sanften und entschlackten Songs mit malerischen Namen wie „Ghost Story“, „Brighton“ oder „Hollow Season“ möglichst die Grundstimmung einfassen und sich konzeptionell mit der stringenten Spur identifizieren können. „Es hat sich relativ schnell eine Richtung dabei herauskristallisiert, dass ich das Songwriting einfach laufen ließ und geschaut habe, wohin es mich führt. Dann hat sich alles ganz gut zusammengefügt, ohne dass man extra sonderlich viel tun musste.“
Gegen die Sicherheit
Allen anderen, durchaus nicht unbekannten, Nebenprojekten zum Trotz nimmt sein Holzfällerhemd-tragendes Lagerfeuer-Alter-Ego Tom Joseph den Löwenanteil von Steiners Zeit ein. Eine Zeit, die er sich längst ausschließlich via Musik finanziert. „Das geht mit den vielen Projekten schon seit acht Jahren so und ich bin sehr gesegnet damit. Natürlich ist das ein ständiger Entscheid gegen Sicherheit, aber so begibt man sich Tag für Tag aufs Neue auf hohe See und dieser Gedanke gefällt mir gut. Ich halte das nicht lange aus, wenn etwas zu lange im selben Rhythmus abläuft“, so der Sänger, „Sicherheit ist außerdem auch nur eine Illusion, die man nicht erzwingen kann. Ich schaue einfach, wie lange mein Schiff noch schippert und sollte es das irgendwann einmal nicht mehr tun, dann schauen wir weiter.“ Es ist genau diese entschlackte und angenehme Lässigkeit, die sich auch in seiner Musik entlädt. Nach zwei geglückten Release-Shows in Wien und der Heimat Innsbruck will er mehr. Verdient wäre es allemal.