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Weg waren sie! Darum drehten Migranten schnell um

· Politics

Der Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta hat eine Schockwelle durch Europa gesendet. Erinnerungen an 2015 wurden wach, die politischen Reaktionen fielen mitunter heftig aus. Doch vor Ort schien schnell klar zu sein: Hier geht es nicht weiter!

Warum sich Zehntausende – vorwiegend junge marokkanische Männer – plötzlich auf den Weg nach Ceuta machten, ist noch nicht abschließend erklärt. Es war wohl ein Mix aus Missinformation, politischer Polarisierung und einer neuen Gesetzeslücke (mehr dazu in der Infobox unten).

Dieser explosive Cocktail soll zum historischen Ansturm auf die spanische Nordafrika-Exklave beigetragen haben. Die Bilder von kollabierenden Sicherheitsketten, hilflosen Polizeikräften und einer wahren Menschenwelle lösten in ganz Europa Unbehagen aus. Die politische Solidarität wurde schnell über Bord geworfen. Von einem neuen 2015 war die Rede. 

Migranten wurden von Schlägertrupps „begrüßt“
Vor Ort setzte jedoch schnell die Realität ein. Von einer „Refugees-Welcome“-Kultur war nichts zu spüren. Wie spanische Medien vor Ort eindrücklich festhielten, verbarrikadierte sich die Bevölkerung. Supermärkte und Tankstellen wurden geschlossen.

Mehrere Migranten in Ceuta gaben an, sie seien durch Social-Media-Beiträge, in denen behauptet wurde, die spanische Grenze sei offen, zur Einreise motiviert worden. Daraufhin entlud sich eine „Explosion“.

Am Weg zur Grenze und auch am Übergang selbst wurden die Männer offenbar von den marokkanischen Behörden durchgewunken. Dafür gibt es mehrere Zeugenberichte. Es kursieren zudem Videos. „Weiter, einfach weiter“, soll der Tenor gewesen sein. Eine politische Botschaft aus Rabat an Madrid ist also nicht ausgeschlossen.

In Spanien hütete man sich vor voreiligen Schuldzuweisungen – und machte ein Urteil des Obersten Gerichtshofs vom 8. Juli mitverantwortlich. Es verbietet die sofortige Zurückweisung von Menschen ohne Verfahren, die schwimmend ankommen und dabei „keine physische Barriere“ überwinden. Das sei auch der Grund gewesen, warum die meisten ins Wasser sprangen, um den Wellenbrecher von El Tarajal zu umschwimmen. Dutzende schafften es nicht mehr aus dem Meer.

Zu allem Überfluss soll die spanische Regierung anfängliche Warnungen in den Wind geschossen haben, da der Fokus auf den Waldbränden am Festland gelegen hatte.

Essen und Wasser für die Ankömmlinge wurden nicht bereitgestellt – ebenso wenig ein Schlafplatz. Viele Migranten haben in Parkanlagen und auf öffentlichen Parkplätzen im Freien übernachtet.

Die Hoffnung, dass vor Ort schon eine Fähre wartet, um das ersehnte Leben in Europa in Angriff nehmen zu können, löste sich schnell in Luft auf. Im Stadtzentrum von Ceuta bildeten sich der „New York Times“ zufolge kleine Schlägertrupps, die „lang lebe Spanien“ skandierten, während sie Migranten Richtung Marokko zurückscheuchten.

Schnell machte sich Verzweiflung breit
Das Militär ging ebenfalls rigoros gegen die Männer vor. Das laute Magenknurren tat dann sein Übriges. „Ich habe großen Durst“, sagte etwa der 19-jährige Adam Hams gegenüber Reportern vor Ort, während um ihn herum Minderjährige um Essen bettelten. Sie bekamen keines. Ein anderer Mann erklärte gegenüber Reuters, er wüsste nicht einmal, warum er gekommen sei. Er hätte sich einfach mitreißen lassen (siehe Tweet unten).

Dem staatlichen Fernsehsender RTVE zufolge waren bereits am Freitagabend 48.300 Personen nach Marokko zurückgekehrt. Eine unbekannte Zahl hält sich wohl noch in der Exklave auf. Dass sie auf das europäische Festland dürfen, gilt jedoch als ausgeschlossen. 

Von Ceuta gibt es zwar einen normalen Schengen-Binnenverkehr per Flug und Fähre auf das spanische Festland nach Algeciras, Almería, Málaga oder Madrid. Ausweis- und Dokumentenkontrollen stehen jedoch an der Tagesordnung, weil verhindert werden soll, dass Migranten unkontrolliert europäisches Festland betreten. Mit leeren Plastikflaschen und falschen Hoffnungen geht es hier nicht weiter.

Diese Kontrollen werden laut der spanischen Regierung nach dem Migrantenansturm der vergangenen Tage auch verstärkt durchgeführt. Migranten, die Ceuta erreichen, gelangen also nicht automatisch auf das spanische Festland oder in andere Schengen-Staaten. Migrationskommissar Magnus Brunner versicherte, dass „keine einzige Person“ die Grenze zum EU-Festland übertreten habe.

Marokkaner fühlen sich getäuscht
Während Europa aufatmet, herrscht unter den jungen Marokkanern Enttäuschung: „Niemand hat uns in Spanien geholfen. Man sagte uns, wir bekämen eine Unterkunft und ein Visum für die Weiterreise nach Algeciras, aber das war alles gelogen“, erklärte der 18-jährige Mohamed einem Reporter der spanischen Tageszeitung „El País“.

Der Traum, legale Dokumente für die Reise auf die Iberische Halbinsel zu erhalten und legal nach Europa auszuwandern, erwies sich als Utopie und Lüge. Der spanische Premier Pedro Sánchez nannte den Grenzsturm einen „Angriff“, er sah die Hauptschuld bei Schleuserbanden. Die Gesetzeslücke durch das Höchsturteil hätte ebenso eine Rolle gespielt.

Was also tun? Sanchez kündigte an, Bojen im Meer auslegen zu lassen. Die Idee hinter „Schwimmgrenze“ sei, eine „physische Barriere zumindest in visueller Hinsicht“ zu errichten, damit die Zurückweisung an der Grenze erleichtert werden kann. Die Effektivität des Plans darf bezweifelt werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Mensch – getrieben von falschen Hoffnungen – ins Wasser springt, um in ein neues Leben zu schwimmen.