Elf Tage nach seiner schweren Verletzung kann Christoph Baumgartner wieder lächeln. Als das Verpassen der WM feststand, sei dies ein „Wahnsinns-Schock“ gewesen, erzählte der 26-Jährige am Freitag in Santa Barbara. Er habe aber so viel Trost von Frau, Familie, Mitspielern und Fans bekommen, dass sich die erste Trauerphase leichter überwinden ließ. Seit Mittwoch weilt Christoph Baumgartner im ÖFB-Camp, wo er den ersten Teil seiner Reha absolviert und als Motivator fungiert.
Baumgartners Malheur passierte am 1. Juni beim Aufwärmen fürs Tunesien-Match. „Es war einer der letzten Schüsse, die ich gemacht hätte, habe einen Stich gespürt. In dem Moment habe ich gemerkt, da ist etwas passiert. Dass es dann so groß ist, hätte ich nicht gedacht“, sagte der 26-Jährige.
Ein MRT am folgenden Tag brachte Gewissheit – Baumgartner erlitt eine schwere Muskelverletzung im Oberschenkel-Adduktorenbereich. „Das war ein wahnsinniger Schlag für mich.“ Zur genauen Ausfallsdauer machte der Offensivmann keine Angaben, Medien schrieben zuletzt von vier bis fünf Monaten. In den kommenden zwei Wochen benötigt er noch Krücken.
Baumgartner verpasst „größten Traum meines Lebens“
Baumgartner war davor in seiner Karriere nie gravierend verletzt, versäumte nach eigenen Angaben nur etwa 20 Profi-Spiele. Nun wartet eine lange Zwangspause. Ob er deshalb mentale Unterstützung in Anspruch nimmt, ist offen. „Ich weiß es nicht, weil ich mich im Moment unfassbar gut fühle, obwohl ich vor zehn Tagen die Diagnose bekommen habe, dass ich den größten Traum meines Lebens verpassen werde.“
Der Trübsinn ist ganz offensichtlich verflogen. „Es war unfassbar, was ich an Nachrichten bekommen habe von ganz vielen Leuten. Dafür bin ich sehr dankbar, aber es reicht jetzt auch mit dem Mitleid. Das hatte ich genug, ich will keinen mehr, der sagt, es tut mir leid. Ich will jetzt nur nach vorne schauen“, erklärte Baumgartner. „Ich bin keiner, der in ein Loch fällt. Das ist allein schon dadurch ausgeschlossen, dass ich hier sein kann.“
Im Kreise der Mannschaft ist Baumgartner wieder guter Dinge, doch vor eineinhalb Wochen sei schon die eine oder andere Träne geflossen. „Aber dann habe ich relativ schnell den Entschluss gefasst, dass ich hierher will.“ Am 3. Juni erfolgte die Operation in Turku, eine Woche später landete er in Kalifornien, wo er der Mannschaft in einer neuen Rolle helfen will. „Ich versuche, überall zu unterstützen, wo ich nur kann, als Energiegeber und als einer, der die Gruppe sehr gut kennt und versteht.“
Niederösterreicher bedankte sich bei Leipzig
Dass Baumgartner überhaupt im Teamhotel in Goleta einchecken konnte, hatte er auch der Zustimmung seines Clubs RB Leipzig zu verdanken, bei dem sich der 58-fache ÖFB-Internationale (19 Tore) ausdrücklich bedankte. „Ich habe mir in den letzten Jahren bei RB einen gewissen Status erarbeitet, dass man meine Meinung schätzt und mir ein gewisses Vertrauen entgegenbringt.“ Die Abstimmung zwischen Leipzig und dem ÖFB funktioniere „super“, betonte Baumgartner. „Ich werde auch im Sinne des Vereins alles tun, um so schnell wie möglich wieder fit zu werden.“
Der Deutschland-Legionär befindet sich nun in einer ähnlichen Rolle wie David Alaba 2024. Der Kapitän musste bei der EM in Deutschland wegen eines Kreuzbandrisses zuschauen, wohnte aber dennoch im ÖFB-Hotel in Berlin. „Ich weiß genau, wie wir spielen, was uns stark macht und ich erkenne als Spieler viele Sachen von außen und sehe vielleicht, ob bei dem und dem gerade etwas im Kopf passiert und wie man dem entgegenwirken kann.“ Ihm sei klar, dass er nicht dem Trainerstab angehöre, doch sein Input werde gerne entgegengenommen. „Mit wurde vom Trainerteam signalisiert, ich kann gern auf sie zukommen und Sachen weitergeben.“
Ob Baumgartner während der WM-Partien auf der Trainerbank oder doch auf der Tribüne Platz nehmen wird, ist noch zu klären. In jedem Fall werde er „der größte Fan der Mannschaft“ sein. „Wenn wir ein Tor schießen, wird das wahrscheinlich die gefährlichste Phase meiner Reha, wenn ich deppat aufspringe.“
Mehrere Anwärter auf Baumgartner-Position
Der Niederösterreicher agiert gewöhnlich als „Zehner“ hinter der Solospitze. Für diese Rolle gibt es mehrere Anwärter, die laut Baumgartner durchwegs über hohe Qualität verfügen. „Wer auch immer die Position bekleidet, wird sie gut bekleiden. Die Leistung, die derjenige bringt, wird auf seine Art und Weise gut sein.“