Kultur

Nova Rock: Zwischen Gothic-Chic und Horrorshow

Nova Rock: Zwischen Gothic-Chic und Horrorshow

Bis auf leichten Nieselregen hielt der Himmel die Schleusen auch am kühlen zweiten Nova-Tag geschlossen. Heiß war es dafür auf und vor den Bühnen. The Cure lieferten eine Show mit glasklarem Sound, The Offspring versammelten die Massen vor der Bühne und Six Feet Under sorgten für eine Death-Metal-Überraschung. Heute werden Iron Maiden und Sabaton für Jubelrufe sorgen.

Berechtigte Kritik ist immer zulässig, wenn das Ermahnen aber zu einer haltlosen Dauerempörungswelle wird, verpufft der gutgemeinte Effekt schnell im Sinnlosen. Seit Jahr und Tag mokieren die immergleichen Medienhäuser das Fehlen von Frauen und Frauenbands beim Nova Rock. Copy-&-Paste-Journalismus unter unterschiedlichen Namen. Alleine am Freitag waren nicht weniger als sechs Damen verteilt auf allen drei Bühnen zu sehen und haben mit großartigen Auftritten den Tag getragen. Die über einen Bandwettbewerb auf die Hauptbühne gerutschte Pure Chlorine und das Schwestergespann The Pretty Wild sorgten für frühe Highlights auf der Red Bull Stage, die Frontfrau des irischen Post-Punk-Kollektivs Just Mustard eröffnete den zweiten Festivaltag eher stoisch und wenig mitreißend, wohingegen The Pretty Reckless rund um Frontfrau und ex-Gossip Girl Taylor Momsen den Terminus Hard Rock wieder in lichte Höhen führten. Die 32-Jährige hat mittlerweile eine beeindruckende Rockröhre, vermischt schüchternen Goth-Girl-Touch mit direktem Publikumszugang und die beiden neuen Songs des kommenden Albums, „Dear God“, „For I Am Death“ und „When I Wake Up“, verkünden Großes. Frauenpower ist da, man muss aber auch hinschauen.

Mit einem Fuß in der Popkultur
Auf der Red Stage tönen zum Auftakt des Festivals ungewohnte Klänge. Kellertiefes Gurgeln paart sich mit bleischweren Riffs – Freunde der besonders harten Kost nennen diesen lieblichen Klänge Death Metal. Der stimmliche Verursacher, Chris Barnes, gilt als einer der Urväter des Genres. Er sang einst bei der Kultband Cannibal Corpse Songs wie „Butchered At Birth“, „A Skull Full Of Maggots“ oder „Hammer Smashed Face“, das er auch mit seinem seit mehr als drei Jahrzehnten aktiven Projekt Six Feet Under zum Besten gibt. Mit ihrem Kurzauftritt in Jim Carreys Kultkomödie „Ace Ventura“ wurde Barnes 1994 sogar Teil der amerikanischen Popkultur. „Wir hatten beim Dreh einen Riesenspaß und haben bei der Kooperation außerhalb der Box gedacht“, erinnert er sich im „Krone“-Interview nach seinem Auftritt zurück, „das war eine einmalige Chance, die wir genutzt haben und auf die wir mit viel Freude zurückblicken.“ Mit seinen alten Kollegen hat er sich zwar nachhaltig zerstritten, dass es aber eine große Nachfrage am Kultmusiker gibt, sieht man auch beim Nova Rock. Trotz ungewohnt harter Ausrichtung füllt sich das Areal von Song zu Song und erhöht dazu Barnes‘ Laune.

Direkt nach dem Konzert postete er auf seiner Bandseite, der Gig beim Nova Rock wäre einer der besten seines Lebens gewesen. Nicht schlecht für eine Karriere, die fast 40 Live-Jahre andauert. „Ich hatte auf der Bühne einen tollen Platz, der Sound war großartig und den Leuten vor der Bühne hat es gefallen. Einen Festivaltag mit Musik zu eröffnen, die härter ist als das meiste, was sonst hier spielt, ist nicht leicht, aber nach dem dritten Song habe ich bemerkt, dass das Publikum und wir eine Einheit sind. Es war einer dieser magischen Momente, die du als Musiker dann nie wieder vergisst.“ Für den 58-Jährigen ist diese Ära mit Six Feet Under eine Art zweite Karriere – viele Jahre war er alkohol- und drogenabhängig. Mittlerweile hat er sich von den Dämonen befreit und zeigt sich dankbar und motiviert, diese Chance zu nützen. Privat hört die Ikone des Abseitigen lieber zugänglichen Rock wie Bob Dylan oder The Cure. Bis zur letzten Minute hoffte er darauf, sich die Show von Robert Smith und Co. von der Bühnenseite aus anschauen zu dürfen. „Ich hoffe, dass es klappt. Meine Frau und ich sind Riesenfans.“ Mit Six Feet Under will Barnes so schnell wie möglich wiederkommen – in dieser Form ist das nur zu begrüßen.

Brücke zwischen damals und jetzt
Der zweite Nova-Rock-Tag ist überhaupt kunterbunt und großartig besetzt. Auf der immer spannenden Red Bull Stage legen The Pretty Wild einen mal brachialen, mal zuckersüßen Modern-Metal-Auftritt hin und begeistern damit eine respektable Anzahl an Fans. Die hätte das amerikanische Post-Hardcore-Kollektiv Quicksand bei seinem ersten Österreich-Auftritt seit Äonen gerne gehabt, bei minimalem Nieselregen müssen Frontmann Walter Schreifels und Bassist Sergio Vega (einst bei den Deftones) mit einer Handvoll alten Weggefährten und ein paar zufällig des Weges kommenden Illuminierten vorliebnehmen. Ihre zwischen 1993 und der Gegenwart produzierten Songs sind vielleicht nicht zeitgemäß, machen aber Spaß. „Wir lieben Festivals“, erzählen sie vor dem Gig der „Krone“ im Kurzinterview, „dort spielt man kürzere Sets und bekommt mehr bezahlt. Außerdem hängen wir gerne backstage mit anderen Leuten ab.“ Das Album „Bring In The Psychics“ folgt Mitte Juli – dazu dann an dieser Stelle auch ein längeres Gespräch.

Abgeschlossen wird der Tag auf der Red Bull Stage so, wie er auf der Red Stage begonnen hat: mit einer brutalen Band. Die Schweden von Thrown mäandern zwischen Deathcore und Metalcore, haben aber ungemein groovige und sehr dem Death Metal nahestehende, stampfende Elemente, bei denen Moshpits und Stagediving sonderzahl angesagt waren. Mit Songs wie „Parasite“, „So Done“ oder dem brettharten „Grayout“ legt man das Gelände in Schutt und Asche und beweist, dass dem Nova Rock auch diese Art von Sound gut tut. In der Zwischenzeit spielen Royal Republic ihren fetzigen Rock’n’Roll, wollen die gehypten President mit ihrem Masken-Mummenschanz und viel Pop-Appeal ihre Anonymität so lange wie möglich halten. Ein schönes Wiedersehen gibt es mit Social Distortion und dem mittlerweile in Würde ergrauten Mike Ness. Das neue Album „Born To Kill“ atmet die Frische der Klassiker, auf Songs wie „Story Of My Life“ oder „Don’t Drag Me Down“ wird auch nicht verzichtet. „Ich schreibe meine Songs nach wie vor aus einer Underdog-Haltung“, erzählt er der „Krone“ davor im Talk, „ich bin ein Sprachrohr für die Arbeiterklasse und am Ende gewinnen wir. Das ist meine Erzählstruktur.“ Mission accomplished.

Rekordverdächtige Show
Bei den großen Namen im Finish hat man angesichts des Qualitätsüberschusses die Qual der Wahl. Wer es lieber vertrackt und schräg, dafür technisch herausragend mag, ist bei A Perfect Circle goldrichtig. Die Band rund um Tool-Querkopf Maynard James Keenan ist etwas zugänglicher als seine Hauptcombo und arbeitet sich mit in Rot gehaltenen Lichteffekten durch ein Set, bei dem Präzision über dem Gefühl steht. Diametral anders ist das bei den Punkrock-Urgesteinen The Offspring, deren Frontmann Dexter Holland womöglich ein paar Ozempic-Spritzen angewendet hat und so fit wie schon lange nicht wirkt. Das aus vielen Klassikern bestehende Best-Of-Set mit partiell eingestreuten, neueren Songs wird durch ein paar Black-Sabbath-Hommagen und vielen lustigen Ansagen aufgelockert. Gitarrist Noodles zählte „1,350.707 Fans, sagt mir das Headquarter gerade – wir haben den Live-Rekord von Oasis übertroffen“. Wenn auch deutlich überspitzt formuliert, bei keiner Band dieses Wochenendes ist am Gelände so viel los wie bei den Kaliforniern. Bis ganz nach hinten in die Burgenlandgenussecke füllt sich das Gelände. Eine schier unglaubliche Anzahl an Menschen, aber es gibt auch nicht viel bessere Rock-Festivalbands als The Offspring.

Eine härtere Gangart schlägt der muskulöse Rauschebart Zakk Wylde mit Black Label Society ein. Nach dem Tod seines guten Freundes Ozzy Osbourne vor knapp einem Jahr ist der Ausnahmegitarrist so vielseitig und stringent unterwegs wie selten zuvor – noch am Tag vor dem Nova Rock spielte er als Gitarrist von Pantera im Vorprogramm von Metallica in Budapest. Weitere Stresssituationen sind durchaus realistisch. Da tut es gut, wenn man Hobbys zur Entspannung hat. Im Fall des 59-Jährigen bedeutet das, dass er gerne Social-Media-Videos aufnimmt, während er mit kleinen Wrestlingfiguren durch den Backstage-Bereich von Konzertvenues marschiert und dabei schräge Töne von sich gibt. So kindsköpfig sein Verhalten außerhalb der Bühne sein mag, so professionell agiert er auf ihr. Sein neues Album „Engines Of Demolition“ wird dabei fast stiefmütterlich behandelt, während er mit dem Ozzy-Cover „No More Tears“ die Rockfraktion begeistert. Ansonsten haben wir Totenschädel, einen Kilt und viele ausufernde Soli zu bestaunen. Ein Brett von einem Auftritt samt üppigem Sound.

Hits und Überraschendes
Wenn es um glasklaren Sound auf einem schwierig zu bespielbaren Festival geht, ist man heute bei The Cure goldrichtig. Um Robert Smith und Co. live zu sehen haben immens viele Tageskartenkäufer die Reise auf sich genommen, allzu oft wird der Kajal-König aus den britischen 80er-Jahren nicht mehr live zu sehen sein. Auf der überdimensionierten Bühne fühlt sich die Band sichtlich wohl, Smith legt schon bei „Alone“ und „Burn“ gut los, mit „Just Like Heaven“ gibt es ein sehr frühes Highlight im Set. Wortkarg, aber spielfreudig spult die Band ihr Set ab und feuert Hit um Hit über das nicht übertrieben gut besuchte Areal. „Push“, „Play For Today“ oder das erstmals auf dieser Tour zelebrierte „One Hundred Year“ funktionieren.

Bevor im Zugabenblock der Evergreen „Boys Don’t Cry“ ein für Nova-Rock-Verhältnisse eher ungewohntes, aber fulminantes Set beschließt, gibt es davor noch ein paar selten gespielte Tracks. Währenddessen beschließt die US-Metalcore-Combo Ice Nine Kills vor stattlichem Publikum die Red Stage. Frontmann Spencer Charnas spielt im Patrick Bateman-Look („American Psycho“) mal den Messerschlitzer, den Beilschwinger oder Waffenbesitzer, um auf schauspielerische Art und Weise Mord und Totschlag nachzuahmen. Visuell ist das 1A, musikalisch klingt es wie von der Stange. Weiter geht es heute u.a. mit Iron Maiden, Sabaton, Alter Bridge, Sepultura und die Durchstarter Kanonenfieber. Das Wetter könnte halten.

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