In einer historischen Rettungsaktion sind mehr als 200 Menschen aus der russisch kontrollierten Stadt Oleschky in Sicherheit gebracht worden. Viele verließen die abgeriegelte Zone nur mit ein paar Sackerln und ihrem Haustier. Mehr als tausend Menschen sind allerdings in der Trümmerstadt geblieben. Ihre Gründe sind unterschiedlich.
Einige Menschen harren beispielsweise aus, weil sie andere, die nicht gehen wollen oder im Krankenhaus liegen, nicht im Stich lassen wollen. „Wenn so viele gehen, wird es nicht einfacher hier“, sagte etwa der frühere Lehrer Oleh. Er sei dankbar für die internationale Aufmerksamkeit, die US-First Lady Melania Trump der Stadt beschert hat. Sie und Papst Leo XIV. haben die bisher längste und störungsfreie Waffenruhe samt Evakuierung zwischen Russland und der Ukraine vermittelt.
Eine 71-Jährige erzählte, dass sie bleibe, weil sie zu alt sei, um zu gehen. Sie kümmere sich außerdem um ihren 22-jährigen Enkel, der ein Bein verloren habe. Ein weiteres Argument für manche ist die Rente: Der russische Staat zahlt den Menschen 31.000 Rubel (umgerechnet 344 Euro) monatlich, das ist deutlich mehr als in der Ukraine. Vor dem Krieg hatte die Stadt in der Ukraine noch 24.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Jetzt sind es wohl mehr als tausend.
Wer bleibt, kann nun dank der Tonnen an Hilfslieferungen mit Lebensmitteln, Medikamenten, Hygieneartikeln und Kraftstoff etwas aufatmen. Manche Einwohnerinnen und Einwohner sind bereits abgemagert, andere leben noch vergleichsweise gut von eigener Ernte auf dem fruchtbaren Boden oder aus ihren Gewächshäusern. Strom gibt es von Solaranlagen, die meist neben den Häusern installiert sind, weil die Dächer selbst durch Drohneneinschläge zerstört sind. Weitere Hilfslieferungen sollen kommen.
Das erwarten sich die Evakuierten jetzt
Wer Oleschky verlassen hat, konnte zwischen Bussen mit der Aufschrift Ukraine oder Russland entscheiden. Der älteste Flüchtling sei 94, der jüngste erst ein Jahr alt, sagte der Menschenrechtsbeauftragte der Ukraine, Dmytro Lubinez. Er begleitete die humanitäre Hilfsaktion mit seiner russischen Kollegin Jana Lantratowa. Eine 50-jährige Einwohnerin namens Wera erzählte beim Verlassen der Stadt, dass sie sich am meisten auf ein Wiedersehen mit ihrem Sohn (30) freue, der in Polen lebe. Sie habe ihn seit Kriegsbeginn nicht mehr gesehen. Sie und ihr Ehemann Sascha würden außerdem hoffen, in der Ukraine Arbeit zu finden.
Die beiden Vertreter Moskaus und Kiews dankten nicht nur Melania Trump mehrfach für ihr Oleschky-Engagement. Sie lobten sich auch gegenseitig, dass beide Seiten die Vereinbarungen einhielten – ein Novum in den sonst aggressiven Wortgefechten der Staatsführungen.