Papst Leo XIV. ist zum Auftakt seiner Spanienreise am Samstag von König Felipe VI. und Königin Letizia empfangen worden. In einer Ansprache im Königspalast in Madrid warnte er am Samstag vor der „Versuchung, durch das Schüren von Polarisierungen an Popularität zu gewinnen“ und rief Spanier und Europäer auf, interne Konflikte zu überwinden und nicht populistischen Ideologien zu folgen.
Spanien dankte der Pontifex für die „Treue zum Völkerrecht und zum Multilateralismus“. Statt „spaltender und polarisierender“ Äußerungen über die Gegenwart müsse man von „fruchtlosen Vereinfachungen zu einer fruchtbaren Anerkennung ihrer Komplexität“ gelangen, erklärte der Papst weiter. Die katholische Kirche gehe einen anderen Weg. Sie, die im Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) auf der Seite des Putschgeneral und späteren Diktators Francisco Franco stand und einen hohen Blutzoll zahlte, sei „heute bereit, sich in den Dienst der Zukunft eines Volkes zu stellen, das nach Versöhnung und Frieden sucht“. Bei einer Begegnung mit Vertretern des Staates, der Zivilgesellschaft und ausländischen Diplomaten in Madrid bedauerte der Papst, dass „die Botschaft des Friedens in diesen Zeiten leider für manche naiv und für andere provokativ klingt“.
Weiter sagte der Papst in seiner Rede vor Politikern und Diplomaten: „Ich lade Sie alle ein, aus Liebe zur Wahrheit die spaltenden und polarisierenden Darstellungen Ihrer gesellschaftlichen Realität und ihrer Geschichte hinter sich zu lassen, um von fruchtlosen Vereinfachungen zu einer fruchtbaren Anerkennung ihrer Komplexität zu gelangen.“ Dies sei eine „besondere Berufung für Europa“. Spaniens Geschichte lehre, „dass nicht die Kultur der Konfrontation, sondern die der Begegnung Stabilität und Wohlstand schafft“.
„Vielschichtigkeit schätzen“
Das Geschenk Europas an die Welt sei diese Haltung: „Die Vielschichtigkeit schätzen und ergründen, lernen, sie nicht zu leugnen und sie als Segen anzunehmen, jenen identitären Ansätzen entfliehen, die alles zu erklären scheinen, aber die Welt mit Gespenstern und Feinden bevölkern.“ Diese Aufgabe präsentiere sich im digitalen Zeitalter in einem neuen Rahmen: „In diesem Umfeld verschärfen sich Vorurteile, kritisches Denken wird geschwächt, und übermächtige Interessen säen tödliche Impulse.“
Dagegen forderte der Papst einen „Kurswechsel bei den Investitionen in Schulen, Hochschulen und Forschung, in lokale Gemeinschaften und in die Zivilgesellschaft“. Sicherheit entstehe nicht aus Waffen und Mauern, sondern „dadurch, dass wir lernen, gemeinsam mit anderen voranzugehen, gemeinsam zu wachsen, Seite an Seite“.
Der Papst bezog auch den Islam ein und sagte: „Die Präsenz des Islam auf der Iberischen Halbinsel war eine langjährige politische, kulturelle und religiöse Gegebenheit. In dieser Zeit gab es nicht nur Konfrontation, sondern man versuchte auch, einen Raum für Begegnung, Gespräch und Dialog zwischen Christen, Muslimen und Juden über Sinn und Wahrheit zu schaffen.“
„Autonomie und Einheit in Einklang bringen“
Ohne Basken und Katalanen beim Namen zu nennen, rief er dazu auf, „die Forderungen nach Autonomie und Einheit in Einklang zu bringen“. Schließlich sollten die Spanier „den Prozess der europäischen Einigung vorantreiben – nicht im Gegensatz zu anderen Mächten, sondern als Geschenk für die ganze Menschheitsfamilie“.
Die erste Rede des Papstes in Spanien wurde mit stehendem Applaus bedacht, König Felipe VI. erhob sich als erster. Er hatte zuvor in einer Begrüßungsrede an Leo XIV. unter anderem dessen Eintreten gegen den sexuellen Missbrauch in der Kirche gelobt.
Papst vor Hunderttausenden Jugendlichen: „Seid das Licht“
Bei der ersten Großveranstaltung seiner Reise rief Leo XIV. Hunderttausende Jugendliche auf, das „Salz der Erde und das Licht der Welt“ zu sein. „Angesichts der Leere von Gleichgültigkeit und Konformismus, angesichts der Gewalt von Krieg und Lüge, seid ihr selbst der Funke einer neuen Menschheit“, fügte das Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken bei der Jugend-Vigilie auf der Plaza de Lima in der spanischen Hauptstadt Madrid hinzu. Spanische Behörden schätzten die Zahl der Teilnehmer auf rund 500.000, die Organisatoren sprachen von 600.000 Menschen. Mit Blick auf die Rolle der jungen Generation rief Leo XIV. dazu auf, der Gesellschaft neue Orientierung zu geben. Christen seien zwar Kinder ihrer Zeit, dürften aber nicht zu Gefangenen wechselnder Trends werden.