Kultur

Mozart tröstet: Wiener Klänge in Südfrankreich

Mozart tröstet: Wiener Klänge in Südfrankreich

Festival d’Aix en Provence: Als letzte große Produktion begeistert die Wiederaufnahmen von Romeo Castelluccis atemberaubender Sicht auf Mozarts Requiem.

Zutiefst tröstlich endete der Premierenreigen in Aix-en-Provence. Ein Baby schaut in den Nachthimmel im Théâtre de l’Archevêché. Dazu erklingt der Hymnus „In Paradisum“.

Romeo Castellucci lässt seine szenische Interpretation des Mozart-Requiems lebenbejahend enden. In einer Umkehrung der Totenklage, ein Rückwärtsgang aus dem Tod in das (ewige?) Leben, an deren Beginn eine alte Frau in ihrem Bett versinkt.

Darauf startet eine rätselhaft faszinierende Reise durch das Leben und die Endlichkeit in atemberaubenden assoziativen Bildern. Castellucci projiziert einen „Atlas der Vergänglichkeit“ mit Namen ausgestorbener Tierarten, versunkener Religionen und Kulturen oder verlorener Kunstwerke als Mahnung auf die Vergänglichkeit unserer Welt.

Das grandiose Kraftzentrum sind der tanzende, spielende Chœur sowie das Orchestre Pygmalion unter Raphaël Pichon. Auch die vier Solisten (Mélissa Petit, Beth Taylor, Duke Kim, Alex Rosen) fügen sich wunderbar in diesen großen Wurf von 2019, 2022 dann beim Koproduktionspartner Wiener Festwochen zu erleben, der nichts an seiner überwältigenden Kraft eingebüßt hat.

Es war damit übrigens das dritte in Wien uraufgeführte Stück im diesjährigen Programm. Mit einer von Regisseur Clément Cogitor ungewöhnlich dunkel, in der Nachkriegszeit angesiedelten, aber in sich überzeugenden „Zauberflöte“ hatte man eröffnet. Es folgte eine besonders dank Klaus Mäkelä am Pult des Orchestre de Paris begeisternde, einst von Strauss und Hofmannsthal für Wien geschaffene „Frau ohne Schatten“. Barrie Koskys bildgewaltige Inszenierung beeindruckt stark, lässt aber im Ende zu vieles unbewältigt.

Das Festival setzt zentral aber ebenso auf Zeitgenössisches. Publikumsnah und gelungen in der zur Uraufführung gebrachten sardischen Sterbehilfe-Oper „Accabadora“ des Italieniers Francesco Filidei.

Explizit neutönend in einem hoch spannenden Abschlusskonzert einer Residenz für zeitgenössische Musiker. Meisterpianist Pierre-Laurent Aimard betreute dabei drei junge Pianisten und eine Pianistin, die vier ganz verschiedene, vor allem stark mit präpariertem Klavier agierende, vom Festival beauftragte Kompositionen aus der Taufe hoben. Entwickelt von drei Komponisten und einer Komponistin, denen wiederum der bekannte italienische Kollege Marco Stroppa durch zwei Wochen hindurch sein Wissen weitergeben konnte.

Bis 21. Juli laufen die Reprisen der szenischen Produktionen, dazu ergänzen Konzerte, etwa vom Klangforum Wien oder mit Verdis „Sizilianischer Vesper“, dieses hochklassige, dabei wunderbar legere wie charmante Festival.

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