Das bekannteste unabhängige Medium, das bislang noch in Russland tätig war, muss für immer schließen. Die Journalisten fürchten nun um ihr Leben.
Nach Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine blockierten die russischen Behörden die Website der „Nowaja Gaseta“ und entzogen ihr die Registrierung. Im September wurde die Zeitung als „ausländischer Agent“ gebrandmarkt. Am Morgen des 30. Oktobers gab die „Nowaja Gaseta“ offiziell bekannt, dass sie die Arbeit einstellt. In diesem Zusammenhang wird auch das Museum von Anna Politkowskaja geschlossen, das sich in ihrem ehemaligen Arbeitszimmer befand. „Die Krone“ hat die Stellungnahme der Redaktion aus dem Russischen übersetzt und veröffentlicht sie an dieser Stelle vollständig.
Wir wurden getötet.
Am 9. November werden wir das Licht in unserem Haus ausschalten, in dem wir 30 Jahre gearbeitet haben, die Server herunterfahren und verschwinden. Die Zeitung gibt es nicht mehr. Die russischen Behörden und der russische Geheimdienst haben die Redaktion gezwungen, die Arbeit einzustellen.
Mehr als dreißig Jahre gemeinsame Jahre mit dem Land und seinen Bürgern werden für uns auf der Straße enden, ohne Existenzmittel, unter ständiger Bedrohung durch Repressionen.
Unsere Lebensjahre waren glücklich – voller Kreativität und Hoffnungen, Leser, Freunde, Texte, Filme. Manchmal aber waren diese Jahre verzweifelt bitter.
Bitter, weil gerade in der Regierungszeit dieses Regimes – und nicht in den wilden 90er-Jahren – unsere Kollegen Igor Domnikow, Juri Schtschekotschichin, Anna Politkowskaja, Stas Markelow, Anastasia Baburowa und Natalia Estemirowa ermordet wurden. Weil sie ihre berufliche und bürgerliche Pflicht erfüllten.
Auch das Spenden-System, das es uns ermöglicht hat, Unterstützung von unseren Lesern zu erhalten, hat man uns abgedreht. Das heißt, sie haben uns einfach das Geld weggenommen. Einfach so.
Das ist eine koordinierte Aktion. Niemand wird den Entschuldigungen der Banken glauben, dass sie das wegen interner Unternehmensregeln tun. Das sind externe Regeln, festgelegt vom Repressionsapparat des Staates, von Mitarbeitern des russischen Geheimdienstes FSB, die sich in jede Organisation eingeschlichen haben. Sie betrachten das Land als ihr Eigentum.
Nach Beginn der militärischen Handlungen wurden uns, wie auch allen anderen Journalisten, die Möglichkeiten genommen, über die wichtigsten und tragischsten Ereignisse der Gegenwart zu sprechen. Es wurden Gesetze verabschiedet, die die Zensur wieder ins Land brachten. Später breitete sich diese Zensur praktisch auf alle Bereiche des menschlichen Lebens aus.
Die Behörden blockierten alle unsere Internetressourcen. Der Staat nahm uns unsere Druckerei weg, und Offiziere der Geheimdienste und Zensoren, die in anderen Positionen saßen, wollten die Herausgabe der Zeitung verhindern. Viele unserer Mitarbeiter mussten das Land verlassen.
Dann entzog uns der Staat die Medienregistrierung und nahm uns das Recht, mit unserer Arbeit Geld zu verdienen.
Der Chefredakteur, Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow, wurde angegriffen, wodurch er fast sein Augenlicht verloren hätte. Ein Strafverfahren wurde nicht eingeleitet, obwohl die Täter bekannt sind.
Dann begannen sie, unsere Journalisten als „ausländische Agenten“ zu deklarieren, angefangen beim Chefredakteur.
Danach wurden Verwaltungsverfahren gegen die Leitung der Redaktion gestartet.
In Tschetschenien wurde unsere Korrespondentin Jelena Milaschina entführt und fast zu Tode geprügelt.
Der Chefredakteur der Zeitung, Oleg Roldugin, wurde als Geisel genommen und beschuldigt, Journalist gewesen zu sein. Bald gibt es ein Gerichtsverfahren.
In der Redaktion der „Nowaja Gaseta“ fanden stundenlange Durchsuchungen statt, auch in der Wohnung des Chefredakteurs.
Im September dieses Jahres wurde die gesamte Redaktion zum „ausländischen Agenten“ erklärt, wobei mehr als einhundert Personen – Journalisten und Autoren – Eingang in die Listen fanden.
Fast fünf Jahre Krieg konnten wir in völliger Isolation von den Geheimdiensten arbeiten.
Und jetzt — ist alles vorbei. Wir befinden uns in der „Todeszone“.
Das ist nicht nur unsere private Geschichte. Das ist die Geschichte unseres Landes und der Gesellschaft, die auf dieselbe Weise zerstört werden.
Das tun der FSB, das Justizministerium, die Staatsanwaltschaft und andere, die den Staat privatisiert und die Macht usurpiert haben. Das ist kein sowjetisches Ressentiment – unter diesem Vorwand ist fast eine Militärdiktatur errichtet worden.
Sie sagen, sie schützen die verfassungsmäßige Ordnung. Nein, das ist eine antikonstitutionelle Ordnung. Denn die Verfassung wurde vergewaltigt, geschlagen und mit zugeklebtem Mund für eine lange Zeit ins Gefängnis geworfen. Ebenso wie Tausende Bürger des Landes, die einfach den Artikeln gefolgt sind. Ebenso wie Zehntausende anderer Bürger des Landes, die gezwungen waren, Flüchtlinge zu werden, ihre Häuser zu verlassen und ins Unbekannte zu gehen. Hört auf zu sagen, dass jetzt nicht das stalinistische Jahr 1937 ist und die Repressionen eine Art „digitalen Charakter“ haben. Das sind staatliche Repressionen. Und Menschen, nicht Zahlen, sterben in den Zellen. Punkt.
Menschenleben haben ihren Sinn verloren und sind entwertet.
Das Wort „Verfassung“ ruft Sarkasmus und Gelächter hervor. Bei allen. Sogar bei Richtern. Besonders bei Richtern. Niemand glaubt daran, dass dies das Grundgesetz des Landes ist und dass der Präsident darauf geschworen hat. Beachten Sie, dass die offizielle Propaganda den Präsidenten schon lange nicht mehr als Garant der Verfassung bezeichnet.
Im Land wurden die Rechte und Freiheiten der Menschen abgeschafft, und ihre Verteidigung wird als Verbrechen eingestuft. De facto wurden Wahlen und gewählte Organe abgeschafft. Öffentliche Institutionen wurden abgeschafft. Gewissensfreiheit und Menschenwürde wurden mit Füßen getreten. Das Privatleben wurde mit schmutzigen Händen auf links gedreht.
Ist es nicht geradezu ein Spott, heute Artikel 29 der Verfassung zu hören: „Zensur ist verboten“? Das Gericht wurde zusammen mit dem Gesetz und dem Recht vernichtet. Überzeugungen zu haben ist nun Hochverrat.
Aber Verrat ist, wenn der Staat seine eigene Verfassung verrät. Und dieser Verrat ist ein andauerndes Verbrechen, das jetzt vor den Augen der ganzen Welt geschieht.
Die Ermordung der „Nowaja Gaseta“ ist ein weiterer Beweis dafür.
All die Jahre haben wir genau darüber geschrieben. Solange wir konnten. Deshalb wurden wir getötet.
Danke an alle, die uns gehört haben.