Die Wiener Albertina erforscht in der neuen Ausstellung „Her Story“ die Position der Frau als Künstlerin und ihren Kampf gegen die Dominanz „männlicher Kunst“ zwischen Mittelalter und Feminismus um 1970: eine verwirrend vielfältige Schau, in der viel zu entdecken ist.
„Frauenkunst“! Ein Begriff, der seit urdenklichen Zeiten nichts anderes bedeutet, als dass „geniale Kunst“ Männersache sei. Nur sie schaffen „echte Meisterwerke“? Peinlich berührt, wenn Picasso sagt, Frauen seien „Göttinnen oder Fußabtreter“, Rodin, der von den Skulpturen seiner Schülerin und Geliebten Camille Claudel profitierte, kritisierte ihre Arbeit als „zu maskulin“, und Nietzsche behauptete von Künstlerinnen, sie seien von „ihrer Rolle – als Hausmütterchen? – entfremdet“. Mit all diesen Fehlurteilen räumt Albertina-Generaldirektor Ralph Gleis mit seiner neuen Ausstellung „Her Story“ jetzt auf.
Vier Kuratorinnen durchkämmten die riesigen Sammlungsbestände – 1,2 Millionen Objekte! – und fanden 41.000 Werke von mehr als 1400 Künstlerinnen. „Her Story“ ist 200 Arbeiten von 132 Frauen gewidmet. Eine große Premiere! Denn nicht wenige dieser Künstlerinnen und ihrer Werke werden erstmals präsentiert, obwohl sie schon von den Albertina-Gründern Albert von Sachsen-Teschen und Erzherzogin Marie Christine angekauft wurden.
Es ist eine gewaltige Parade – von Stars, aber auch kaum Bekannten von einst und jetzt: Fast schon verwirrend viele Zeichnungen, Aquarelle, Kupfer- und Stahlstiche hängen an der Hauptwand. Künstlerinnen präsentieren sich selbst, Porträts vom 16. Jahrhundert bis zum frühen Feminismus um 1970.
Eindrucksvolle Blätter vom winzigen Kloster-Holzschnitt von 1473 über bedeutende Frauen wie Sofonisba Anguissola, die Erzherzoginnen Anna und Marie-Christine, Elisabeth Vigée-Le Brun, Angelika Kaufmann, bis zu Norbertine Bresslern-Roth, Käthe Kollwitz, Maria Lassnig oder Kiki Kogelnik. Und mit Stars wie Barbara Hepworth, Louise Nevelson, Germaine Richier, Louise Bourgeois, Meret Oppenheim oder Niki de Saint Phalle glänzt die Feminismus-Abteilung.
„Wir haben bewusst eine chronologische und thematische Gliederung gewählt, um gesellschaftliche Fragestellungen und individuelle Porträts zu vernetzen“, erklärt Gleis. Das heißt: „Her Story“ zeigt zehn Themenbereiche. Etwa: Künstlerinnen als Unternehmerinnen, als Wissenschaftlerinnen, Vertriebene oder Feministinnen. Und versucht Fragen zu beantworten: Wie verändern sich von Jahrhundert zu Jahrhundert Lebensumstände und Möglichkeiten einer Künstlerin? Welche Rolle spielt sie in ihrer Zeit? Wie dauerhaft war Anerkennung damals?
Für Gleis besonders wichtig ist allerdings, dass diese letzte Schau, mit der die Albertina ihr 250-Jahr-Jubiläum feiert, Ausgangspunkt ist für weitere wissenschaftliche Arbeiten und Digitalisierung vieler noch nicht einbezogener Werke. Eine verwirrend vielfältige Schau, in der viel zu entdecken ist.